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In der vorliegenden Arbeit ist zum ersten Male der Versuch gemacht, die Geschichte der päpstlichen Pönitentiarie in ihren Grundzügen und ihrer Gesamtentwicklung zu verfolgen. Bis in die jüngste Zeit hinein wusste man nur wenig von dieser Behörde, die neben der Kanzlei und der Camera apostolica. zu den hervorragendsten Institutionen der päpstlichen Kurie gehört. Erst in den letzten 20 Jahren haben, allen voran H. Denifle und H. Ch. Lea, mehrere Gelehrte Beiträge zur Geschichte der Pönitentiarie veröffentlicht. Es handelt sich aber bei all diesen Arbeiten, mit Ausnahme der Studie Haskins' über die Quellen der Pönitentiarie, meist nur um bruchstückweise Veröffentlichungen einzelner Quellenstücke, während die Geschichte der dabei berührten Gebiete meist nur kurz gestreift wurde. Suchen wir nach den Gründen, warum die Pönitentiarie erst so spät die Aufmerksamkeit der Geschichtsforscher auf sich gezogen hat, so wird man in erster Linie hervorheben müssen, dass das Studium der kurialen Behörden am päpstlichen Hofe überhaupt erst in neuerer Zeit eingesetzt hat. Dazu kommt, dass die Pönitentiarie nach ihrer Umgestaltung vornehmlich unter Pius V. und Benedikt XIV., die ihre weitgehenden Kompetenzen für das Forum externum einschränkten bzw. auf wenige Fälle reduzierten, kein sonderlich grosses In

teresse mehr für die breite Öffentlichkeit bot, und dass das Archiv dieser Behörde, das noch bei seinem Transport nach Frankreich unter Napoleon I. mehrere Tausende von Bänden zählte, allen Anzeichen nach bis auf wenige Reste verloren gegangen ist. Der Verlust dieser Bestände, die nachweisbar schon im 14. Jahrhundert einsetzen, ist vielleicht weniger im Interesse des Studiums dieser Behörde selbst, als vielmehr wegen der Bedeutung dieses Materials für die Kirchengeschichte des späteren Mittelalters zu bedauern. Die Pönitentiarie hatte nicht bloss das Forum internum zu verwalten, ihre Vollmachten erstreckten sich auch in sehr weitgehendem Masse auf das Forum externum. Damit ergab sich von selbst namentlich auf dem Gebiete des kirchlichen Zensuren-, des Absolutionsund Dispensationswesens ein enger Zusammenhang mit der päpstlichen Kanzlei, der sie einen durch die Concessiones der Päpste dem Umfange und Grade nach begrenzten Teil ihres Arbeitsgebietes abnahm. Welche Bedeutung die Pönitentiarie im Mittelalter gerade hierdurch für die allgemeine Geschichte erhielt, lehrt am klarsten ein Blick in die Formularien und die Concessiones, in denen wir auf alle grösseren kirchenpolitischen Verwicklungen seit Friedrich II. neben zahlreichen interessanten Fällen lokaler und privater Natur stossen. Auf den Wert dieses gesamten Materials für die kirchliche Rechtsund Verfassungsgeschichte braucht wohl nicht besonders hingewiesen zu werden.

Der erste hier vorgelegte Band reicht bis Eugen IV.; der zweite soll die folgende Zeit bis Pius V., unter dem die Pönitentiarie ihren mittelalterlichen Charakter verlor, umfassen. Die Wahl eines Abschnittes unter Eugen IV. ergibt sich aus der Geschichte der Institution selbst, insofern dieser Papst zum ersten Mal wieder seit Benedikt XII., der die Pönitentiarie durch ein Statut grundlegend organisiert und auf eine breitere Basis gestellt hat, umfassendere Bestimmungen für den Ausbau und die Reform dieser Behörde erliess und zugleich die Fakultäten der Grosspönitentiare unter Anschluss an die Concessiones seit Nicolaus IV. neu regelte.

Es kam mir in diesem ersten Teile vor allem darauf an, einen klaren Einblick in die Litteratur und Quellen, die für sich eine eigene, höchst interessante Geschichte haben, zu bieten

und eine klare Darlegung der Organisation und Geschäftspraxis der Pönitentiarie zu geben, wofür ein reiches Material, das keine andere Behörde in so früher Zeit und in gleich ausgiebigem Masse aufzuweisen hat, zur Verfügung stand. Die Bedeutung der Pönitentiarie und der aus ihrem Studium gewonnenen Resultate für die Geschichte des kirchlichen Rechts und insbesondere die des Busswesens im späteren Mittelalter wird sich erst am Ende der ganzen Entwicklung klarer überschauen lassen. Aus diesem Grunde habe ich mir besonders zwei Fragen, die mit der Pönitentiarie aufs engste zusammenhängen, für den zweiten Band vorbehalten: Zunächst die Geschichte der poenitentia publica, die jedenfalls noch im 13. und 14. Jahrhundert ausserordentlich häufig und vereinzelt bis ins 16. Jahrhundert vorkam und durch ein wertvolles Material in den Pönitentiarieakten und den Papst registern illustriert wird, und dann das Tax wesen der Pönitentiarie, das erst im 15. und 16. Jahrhundert aktuellere Bedeutung erhält. Im Zusammenhang hiermit wird auch der Beziehungen der Pönitentiarie zur Kanzlei Erwähnung geschehen, während ich deren Verhältnis zur Kammer, das in diesem Bande wiederholt berührt wird, an anderer Stelle behandeln möchte. Von zwei Fragen glaubte ich aber wegen ihrer Tragweite gerade für die frühere Zeit schon in diesem ersten Bande die Grundlagen und die Entwicklung im einzelnen verfolgen zu müssen :

Das ist zunächst die Verleihung von Plenarindulgenzen (auch durch die Pönitentiarie) an einzelne in der Form des Confessionale, unzweifelhaft eine der intimsten Fragen auf dem Gebiete der kirchlichen Gnadenverleihungen. An zweiter Stelle folgt eine Übersicht der ebenfalls mit der Pönitentiarie aufs engste zusammenhängenden Processus generales der Päpste. Das Wesentliche war hier die Darlegung der Grundlagen und des Ursprungs der Bulla in coena Domini, worüber die bisherigen Darstellungen, vielfach von einander abhängig, nur wenig zu berichten wussten. Die weitere Entwicklung ist meist eine solche von Fall zu Fall, so dass leicht ein Abschnitt mit der Zeit Eugens IV. gemacht werden konnte. Die Weiterführung wird im zweiten Bande folgen.

Fragen wir nach den Quellen für die Geschichte der Pönitentiarie, so gibt hierüber die ausführliche Darstellung des

1. Bandes, die die einzelnen Formularien besonders eingehend behandelt und in ihrer Abhängigkeit verfolgt, genügenden Aufschluss. Was die Texte des II. Teiles anbelangt, so musste hier eine sorgfältige Auswahl getroffen werden. Die Hauptgrundlage bilden die Concessiones, d. h. die von den Päpsten von Nicolaus IV. bis Eugen IV. verliehenen Fakultäten der Grosspönitentiare, die jedoch an einzelnen Stellen Lücken aufweisen. Des Zusammenhangs wegen habe ich die Concessiones der Grosspönitentiare in der sogenannten Summa Nicolaus' IV. mit ihren Fortsetzungen, obwohl sie schon A. Lang deutsch wiedergegeben, noch einmal veröffentlicht. Leider sind die Texte für die Concessiones und die Aufzeichnungen über die Beamten und die Ausfertigungen der Briefe handschriftlich sehr schlecht und zum Teil lückenhaft überliefert; besonders gilt dies vom Cod. A, den ich deshalb, obwohl er dem Original der Sammlung Walters von Strassburg am nächsten steht, auch nur teilweise zugrunde legen konnte. Wo der Sinn nicht absolut eine Änderung erforderte, habe ich die Lesarten der Vorlage beibehalten.

Die Tatsache, dass die wichtigste Briefsammlung von dem deutschen Korrektor an der Pönitentiarie, Walter von Strassburg, herrührt, dass das im zweiten Teil ungefähr aus derselben Zeit stammende Supplikenformular zumeist nur deutsche Petenten enthält und wohl deshalb auf einen deutschen Verfasser zurückführt, und dass schliesslich auch die Konzilien von Kongtanz und Basel für die Geschichte der Pönitentiarie in Betracht kommen, rechtfertigt wohl noch in besonderem Grade die Publikation einer derartigen Arbeit durch unser historisches Institut.

Zu Dank fühle ich mich in erster Linie Seiner Eminenz Kardinal Serafino Vannutelli verpflichtet. Hochderselbe hat auf mein Gesuch hin in dem jetzigen Archiv der Pönitentiarie nachforschen und feststellen lassen, dass dessen Akten nicht über die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückreichen. Herr Geheimrat Kehr hat mir bei dieser Arbeit, die neben meinen archivalischen Forschungen herging und wofür das Material zumeist ausserhalb des vatikanischen Archivs in verschiedenen Bibliotheken zusammenzusuchen war, den weitesten Spielraum gelassen und ist mir ratend und fördernd besonders

auch während der Drucklegung zur Seite gestanden. Hierfür möchte ich ihm auch an dieser Stelle bestens danken. E bedarf wohl nicht vieler Worte, zu betonen, welch grosses Entgegenkommen ich seitens des Präfekten der Vatikanischen Bibliothek, Herrn P. Ehrle, sowie des Direktors des Vatikanischen Archivs, Msgr. Wenzel, gefunden. Ebenso wie ihnen schulde ich Dank den Verwaltungen der Biblioteca Casanatense in Rom, der Hofbibliothek in Wien, der Hof- und Staatsbibliothek in München, der Universitätsbibliothek in Graz, des Archivs von Basel, der Biblioteca Classense in Ravenna und der Bibliothek in Avignon; desgleichen dem Direktor der École de Rome, Msgr. Duchesne, dem Direktor des Oesterr. historischen Instituts, Herin Hofrat Pastor, sowie dem Präfekten der Biblioteca Casanatense, Herrn Cav. Giorgi, für die gütige l'bermittelung auswärtiger Handschriften. Mit besonderer Anerkennung möchte ich schliesslich hervorheben, dass Prälat Baumgarten, der auf ähnlichen Gebieten gleichzeitig arbeitete, mir zahlreiche archivalische Beiträge und Notizen gütigst zur Verfügung gestellt und dass mir in gleich hochherziger Weise Herr Prof. Haller in Giessen zwei wertvolle Texte überlassen hat. Schliesslich möchte ich mit Dank meines Freundes, des Herrn Dr. Seling gedenken, der mir bei der Korrektur des umständlichen römischen Druckes behilflich war.

Rom, den 25. Juli 1907.

E. GÖLLER.

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