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1.

Das Keltengrab zu Ober- Ebersol.
(Von J. Schneller, Vereinsvorstand.)

„Die Gräber, schreibt Professor Joseph von Hefner, diese merkwürdigsten und ältesten Denkmäler, denen der Mensch die theuren Ueberreste seiner Vorausgegangenen anvertraute, sind von hoher historischer Wichtigkeit, sie sind unser Herkulanum, sie find unser Pompeii. In ihnen spricht sich der Wechsel der Zeiten, die gewonnenen religiösen Ansichten in der verschiedenen Begräbnißart, und das Fortschreiten der Kultur des Volkes durch die Mitgaben der Leichen aus. Da für unsere Vorzeit wir der redenden, schriftlichen Documente so oft ermangeln, so müssen wir den Boden, den Zeugen der hingeschwundenen Zeitereignisse, be fragen, ob seine Bewohner nichts in seinem Schooße bergen, das zu uns an der Stelle des lebendigen Wortes sprechen könnte." 1)

Ich bin nun diesem Fingerzeige gefolget, und habe nach Kräften mich bemühet, über die aufgefundene Grabstätte bei Hohenrain und ihre Beigaben meine Ansichten kund zu geben. Gerne lege ich diese anspruchlosen Forschungen gründlicherer Erörterung unter, denn es darf keinen Augenblick verhehlt werden, daß ich der strengen Forderung meiner Aufgabe keineswegs genüge. Möchten selbe Veranlassung biethen für einen weitern erfreulichen Betrieb der Alterthumskunde in den fünf Orten!

Es war am 7 Brachmonats 1848, als Strassenarbeiter oberhalb dem Dorfe Ober- Ebersol 2) im untern Hiltifeld auf dem sogenanten Lewernaker, 8) von welchem Höhepunkte aus eine herr

1) Verhandlungen des hiftor. Vereins für die Oberpfalz und Regensburg. 1840. G. 151. 152.

2) Amt Hochdorf, Kanton Lucern.

8) Lewer heißt ein Eidaufwurf, Hügel.

liche Fernsicht sich darbietet, etwa zehn Minuten vom ehemaligen Johanniter-Hause Hohenrain entfernt, auf einem troknen Kiesboden mit Graben sich beschäftigen, und da Nachmittags halb 3 Uhr auf ein menschliches Todtengerippe stieffen, welchem zerschiedene Gegenstände beigegeben waren.

Mit verdankenswerther Schnelligkeit wurde ich durch den Actuar der Vereinssection Hochdorf, Herrn Caplan Wiki in Hizkirch, von dieser Entdeckung in Kenntniß gesezt, und alsobald verfügte ich mich an besagte Stätte, um eine möglichst sorgfältige Untersuchung sowohl über die Oertlichkeit und die Bestattungsweise des Leichnams, als über die Lage der bei dem Gerippe vorgefundenen Mitgaben einzuleiten, welche Gegenstände dann, bis auf eine Heftnadel, zu Handen des Vereins erworben wurden.

Das Skelett lag der Länge nach auf dem Rüken ausgestrekt, die beiden Arme dem Leibe wagerecht angeschlossen; sein Haupt war nach Nordosten gerichtet. Das 6' 2" lange, 2' 7" breite und 3' tiefe Grab war ganz einfach als solches dazu hergerichtet oder gegraben worden, und zur Unterlage des Geripps diente der freie, natürliche Boden; einzig ruhten drei gewaltige Kieselsteine auf dem Körper, der eine auf dem Kopfe, je einer auf der Brust und auf den Füssen: und das war auch die Ursache, warum von dem ganzen Skelett nur drei Knochen wohlerhalten konnten aufgehoben werden, denn alles übrige lag durch die Steinmaffe zerdrüft und zerstört da. Wie die Beschaffenheit des Schädels Cebenfalls ohne irgend welche Unterlage) 1), der noch frischen aber stark abgenüzten Zähne, der wohl ausgebauten Knochen überhaupt, und ganz vorzüglich des beigelegenen Schmukes verrieth, gehörte der Leichnam wohl dem weiblichen Geschlechte an, und deutet auf mittleres Alter zwischen 40 à 50 Jahre hin. Spuren von Kohlen, Scherben, skiographischen Steinen, oder von Grabgeschenken fand man nicht, eben so wenig Messer, Lampen, Geräthe, Thonarbeiten oder Münzen. Als Schmuk, der bestatteten Leiche

4) Dieser Schädel beßand leider ein fürchterliches Gericht, denn er zersplit, terte in zahlreiche nunmehr bis an drei Zähne verloren gegangene Stüke unter dem unerbittlichen Karst eines Arbeiters, und so läßt sich über dessen Bildung nichts bemerken. Nach Aussage der Strassenknechte soll er klein gewesen sein.

beigegeben, lagen in der Gegend der Brustknochen mehrere etwas stark gebogene und ringförmig aufgebugte Heftnadeln oder Kleiderschliessen (fibulæ), ganz und in Bruchstüken, deren zwei einfach aber zierlich, (f. Beilage Tab. II. Nr. 1.) eine dritte dagegen am untern Theile mit einer incarnat - röthlich gebrannten Maffe, in Form einer Rosette, eingelegt war. (Nr. 2.) Sie halten im Durchmesser 2", 2" 6", und 2" 8". Der Dorn oder die Nadel dieser Brusthefteln bewegt sich in keiner Charnière, sondern besteht aus einem Stüfe mit der übrigen Hafte, und seine Beweglichkeit und Spannkraft (welche merkwürdigerweise nach so vielen Jahrhunderten noch unbegreiflich stark ist) erhält er mittelst künstlicher spiralförmiger Windungen des Draths, aus welchem Gewinde die Nadel auslauft, und in die Rinne wiederum hineinlauft. In der Mitte des Leibes, der Seite je der beiden Arme zu, fanden sich zwei massiv gegossene Ringe (viriæ) vor, die als Schmuk um das Handgelenk müssen gedient haben. Bei dem einen, welcher freisrund, und 2'5′′ inneren Durchmesser hat, treten neun aneinandergefügte Knollen heraus, nach Art eines Knopfes, welche von innen hohl find (Nr. 3.); auch ist eine Vorkehrung zum Oeffnen und Schliessen angebracht, wo an zwei Stellen vermittelst kleiner hervorstehender Knöpfchen die Enden in einander greifen, und so zusammengehalten werden. (Nr. 4.) Es ist dieser geknäufte Armring ein hübsches Eremplar, und meines Wissens selten in der Schweiz vorgekommen. 1) Die andere Spange ist ohne Schluß, aus einem Stük gegossen und unverziert; sie hält 2" 2" im Durchmesser. (Nr. 5.) Zur linken Hand bei den Fingerknöchlen lag ein kleiner (8"), schmukloser, rohgearbeiteter Ring. Innerhalb hat er das Merkmal, daß er vom langen Tragen etwas abgenüzt geworden. (Nr. 6.) Bei den Füssen des Geripps zeigten sich zerschiedene aus Blech (dünn und glatt wie gewalzt) verfertigte hohle Bruchftüke, welche um ein Reifchen, wahrscheinlich von Holz oder Leinwand, gebogen waren. Aus der Zusammensezung und der Lage zu schlieffen, müssen dieses zwei Beinringe gewesen sein, welche die Fußgelenke der bestatteten Person schmükten. Die Stüke sind hübsch, mit gliedartigen Einschnitten ciselirt, doch zerschieden die

4) Einen Aehnlichen bringt das gedrukte Verzeichniß der auf dem Museum in Bern aufbewahrten Antiquitäten. (Taf. IV. No. 23.)

Arbeiten des einen Rings von denjenigen des andern. (Nr. 7. 8.) Zerstreut, besonders bei dem Haupte, fand man mehrere Gegenstände nach Nr. 9, die ich gerne für Knöpfe von Stekoder Haarnadeln deuten möchte. Wo das zungenförmige Bronzestükchen (Nr. 10.) gelegen, konnten die Arbeiter nicht mehr angeben, und daher fällt auch dessen nähere Bestimmung zu erklären unmöglich; wahrscheinlich war es das Ende eines Gürtelbandes oder Fußriemens. Es mißt 10" im Durchmesser. — 1) Alle diese Zierrathen sind von Bronze oder Korinthischem Erz, einer Mischung von Kupfer und Zinn, (1 Thl. Z. zu 8 Thl. K.) und waren beim Entheben mit Grünspan oder vielmehr mit sogenantem Edelroft durchweg stark überzogen. Von Eisen fand sich auch nicht eine Spur.

Das ist das faktische Ergebniß der antiquarischen Aufdekungen in obern Ebersol.

Aus allem diesem geht hervor, daß hier ein Mensch gelegen, der wie er im Leben gekleidet und geschmüft, nach dem Tode ohne Verbrennung der Muttererde anvertraut worden war; oder wozu hätten sonst die Heftnadeln gedienet, wenn nicht, um etwa das Unterkleid (tunica) oder andere Gewänder zusammenzuhalten. Bezeichnend jedenfalls kömmt mir dessen Bestattungsweise vor: ein Grab ohne alle weitere Herrichtung oder Einwandung der vier Seiten, vereinzelt an einem Orte, wo vor etlichen Jahrhunderten ganz unzweifelhaft dichter, finsterer Eichenwald muß gestanden haben; der Körper unter der Last von massiven Rollsteinen zerdrüft; entweder muß man annehmen, diese Steinblöke hätten ursprünglich ein Gehäuse gebildet zum Schuz der Leiche, auch wohl gegen wilde Thiere, und feien dann in der Folge durch das Einsinken der Erde auf das Geripp gekommen, oder aber man habe sie absichtlich darauf hingewälzt, und in diesem Falle dürfte mit dem Leichnam irgend etwas Unheimliches in Verbindung stehen, etwa eine Schmach mittelst dieser Begräbnißart ihm angethan worden sein. Meines Erachtens geben sich wichtigere Gründe, vorab Lage und Boden des Fundortes 2), für die erstere Ansicht fund.

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1) Die Nachbildungen dieser Grabfünde auf Beilage Tab. II. find in natürlicher Grösse gegeben, durchaus getreu und trefflich ausgeführt. 2) Daß z. B. Kieslager an hochgelegenen Gegenden und Hölzern gar oft

Ueber das Alter dieses Grabes und des darin gelegenen Menschengeripps mit seinen Beigaben, läßt sich freilich nur Muthmaßliches ermitteln. Daß es kaum eine christliche Leiche gewesen, beweiset schon der Abgang jedes Abzeichens, welches auf Gebräuche des Christenthums hindeuten könnte, mehr aber noch die aufge= fundenen Schmukgegenstände.

Freilich dürften Alterthumsforscher aus den Ciselirungen des einen Beinringes (Tab. II. No. 7.) etwa versucht werden, diese Anticaglien1) für christlich zu deuten. Allein die Eindrüke auf den grössern Knoten kann man, genau betrachtet, kaum Kreuze heissen, sie sind eher alles andere, als christliche Symbole. Die Kreuzesform, welche da angebracht zu sein scheint, nähert sich weder der griechischen noch der lateinischen 2); und wie wenig dieselbe überhaupt, selbst wo sie mit dem morgenländischen oder sogenannten Andreaskreuze ähnlich ist, auf ehernen Alterthumsstüken für deren christlichen Ursprung an und für sich spricht, geht schon aus dem Umstande hervor, daß das Kreuz, in den verschiedensten Formen, als Hauptornament im classischen und barbarischen Alterthum auf ägyptischen und altmerikanischen Kunstprodukten und in Menge auf dem Geräthe der Südseeinsulaner stets wiederkehrt, wobei freilich dasselbe, und ganz besonders die schiefliegende Gestalt (mit und ohne Punkte eingeschlossen) in getriebener Arbeit auf unserm Fußringe sowohl, als bei dem gelehrten Archäologen Albrecht Jahn3), meist als Rad (mit und

als alterthümliche Fundstätten dürfen bezeichnet werden, weiset Dr. Back des ausführlichen nach in den Mittheilungen der Geschichts- und Alterthumsforschenden Gesellschaft des Osterlandes. II. Bd. III. Heft. S. 250 263.

4) Allerlei kleinere bewegliche Ueberbleibsel und Fragmente alter Bau- und bildenden Kunst, z. B. Geräthschaften, Schmuksachen, Waffen u. dgl. 2) Ganz anders verhält es sich mit dem Inser- Kreuz bel Bonstetten (Notice sur les tombelles d'Anet. Tab. IIf. n. 6.), und mit jenem bei Troyon. (Tombeaux de Bel-Air. Tab. I. 1. 7.) Diese Ornamente, welche den unsrigen von weitem nichts gleichen, halte auch ich durchaus für christliche Symbole für wirkliche Kreuze. 3) Abhandlung über unteritalisch - keltische Gefäffe. (S. 20. und Tab. III. N. 8.) Vergl. Ch. Sedlmaiers nachträglicher Bericht über die bet Fürst gefundenen Altherthümer, im Oberbayerischen Archiv für vaterländische Geschichte. (VI. 433.)

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