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stahl, Notzucht. Wie fast überall1), war auch in unserem Gebiet die Hochgerichtsbarkeit mit Blutbann ausgestattet, d. h. mit dem Rechte, ein Todesurteil zu fällen.

Doch alle diese Unterscheidungen 2), ebenso wie die Frage, wo die Grenzscheide für die Zuständigkeit der Hochund Niedergerichtsbarkeit liege, haben für uns hier nur theoretische Bedeutung. Praktisch sind sie für uns belanglos. Denn in der Wirklichkeit sind die jurisdictionellobrigkeitlichen Herrschaftsrechte einheitlich geschlossen aufgebaut. Der territoriale Justiz- und Verwaltungskörper, das Amt, hat sie übernommen und übt sie im Namen des Landesherrn aus. Nirgends zeigt sich deutlicher als in diesem Punkt das gleichsam Aufgesogensein der patrimonial-gerichtsherrlichen Befugnisse, wie überhaupt der patrimonialen Rechte, von der landesfürstlichen Herrschaftsgewalt.

Einen wesentlichen Inhalt der Landes- und Gerichtshoheit bildeten, von der Seite des Berechtigten her gesehen, gewisse Rechte und Nutzbarkeiten des Landes- und Gerichtsherrn, oder, von der Seite der Verpflichteten aus betrachtet, gewisse Leistungen der Untertanen, vornehmlich der bäuerlichen Bevölkerung. Die Landes- und Gerichtsherrschaft war die Quelle der fructus jurisdictionis et actus superioritatis territorialis, wie die juris Consulti des 17. und 18. Jahrhunderts sich ausdrückten.

Angesichts der Verschmelzung von Gerichts- und Landesherrschaft und der dafaus folgenden Verwaltungspraxis, die in ein und denselben Organen, den landesherrlichen, sowohl die aus der Landeshoheit wie die aus der Gerichtshoheit resultierenden Angelegenheiten an sich gezogen hatte, an

1) Theodor Knapp, Gesammelte Beiträge zur Rechts- und Wirtschaftsgeschichte, vornehmlich des deutschen Bauernstandes, Tübingen 1902, S. 104, 108 (im folgenden abgekürzt: Knapp, Beiträge). Josef von Sartori, Geistliches und Weltliches Staatsrecht der Deutschen, Katholisch-geistlichen Erz- Hochund Ritterstifter II, 2. Teil, 2. Absch., Nürnberg 1791, S. 324, 328 f. (= Sartori, Geistliches Staatsrecht). 2) Über den Unterschied zwischen Landeshoheit und Gerichtsherrschaft einerseits, zwischen Niedergerichtsbarkeit und Hochgerichtsbarkeit andererseits, vgl. A. W. Ertel, Praxis aurea von der Niedergerichtsbarkeit, I. Teil, Nördlingen und Frankfurt 1737, S. 745 ff. (= Ertel, Praxis aurea).

Zeitschr. f. Gesch. d. Oberr. N.F. XXXVIII. 2.

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gesichts dieser Tatsache ist es nicht leicht, manchmal gar nicht zu sagen, welche Forderungen der Landesherr in dieser Eigenschaft, und welche er als Gerichts- und Dorfsherr an die Untertanen stellte 1).

Es würde über das Ziel dieser Arbeit hinausgehen, Wirkungen und Ausflüsse der Landes- und Gerichtshoheit in ihrem gesamten Umkreis darzustellen. Es kann vielmehr nur darauf ankommen, diejenigen Ansprüche des Landesund Gerichtsherrn einer Betrachtung zu unterziehen, die ausschliesslich oder in erster Linie an die ländliche Bevölkerung gerichtet wurden, diese betrafen und belasteten.

Ehe wir des näheren von denjenigen Ausflüssen der Landes- und Gerichtshoheit sprechen, die in der Hauptsache einen direkten oder indirekten finanziellen Nutzwert darstellten, den Abgaben und Diensten, sei mit einigen Worten einer Auswirkung der Landeshoheit gedacht, die nicht eine materielle Bedeutung hatte, sondern sozusagen eine moralische, eine ideelle: der Landeshuldigung 2). Mit ihr wurde bei jedem Regierungsantritt eines Fürsten das Untertanenverhältnis, das mit dem Ableben eines Landesherrn gleichsam erloschen zu sein schien, erneuert. »Die Ablegung der Huldigung [ist] die wahre Confessio subjectionis und Tessera superioritatis«3). Ihrem rechtlichen Charakter nach war die Landeshuldigung ein effectus merae facultatis seu liberi arbitrii, da es von der Willkür eines Landesherrn abhing, sich die Huldigung leisten zu lassen oder nicht. Unterliess ein Regent die Huldigung, so wurde ihm dadurch in

1) Über die actus superioritatis territorialis siehe Ertel, Praxis aurea I, 752 ff. Derselbe II, 107 ff., besonders 133 ff. Sartori, Geistliches Staatsrecht II, 2. Teil, 2. Abschnitt, S. 81 f., S. 331 ff. Über die »effectus oder Würckungen der Gerichtsbarkeit« Ertel, Praxis aurea I, 224 ff., 768 ff. 2) Ertel, Praxis aurea I, S. 224 ff., 753; II, S. 142 ff. Pauli M. Wehneri Practicarum Juris Observationum selectarum Liber singularis, Francoforti 1624, S. 463 (= Wehner, Observationes). Vgl. auch die Erbhuldigung im Gemmingischen: Hans Völter, Die grundherrschaftlich-bäuerlichen Verhältnisse im nördlichen Baden, dargestellt an der Geschichte des ehemals reichsritterschaftlich von Gemmingischen Gebietes hinter dem Hagenschiess vom 15. bis Ende des 18. Jahrhunderts, in: Neue Heidelberger Jahrbücher 19 (1916), S. 80. 3) Ertel, Praxis aurea II, 143.

seinen Befugnissen nicht präjudiziert. Im Fürstentum Bruchsal jedoch wurde die Landeshuldigung regelmässig vorgenommen. An verschiedenen bestimmten Tagen, wenn irgend möglich baldigst nach dem Regierungsantritt des Landesherrn, versammelten sich die männlichen Untertanen 1) des Fürstentums, um die Huldigung zu leisten. Sie erschienen in sonntäglicher Kleidung. Die Stabhalter standen in schwarzen und blauen Mänteln, ihren Stab in der Hand, vor der Huldigungsbühne, auf der erhöht unter einem Baldachin der Landesfürst auf einem samtenen Lehnsessel Platz genommen hatte, zu seiner Rechten auf etwas niedrigeren Stühlen ohne Lehne zwei Deputierte des Domkapitels, zu seiner Linken der Oberamtmann von Bruchsal, der Vizekanzler und der Landschreiber. Der Oberamtmann richtete an die versammelten Untertanen die Frage, ob alle zur Huldigung beisammen wären. Auf ihr Ja hielt er eine kleine Ansprache über Zweck und Bedeutung der Huldigung und befahl dann den Stabhaltern, ihre Stäbe auf den auf der Huldigungsbühne eigens dafür aufgestellten Tisch zu legen. Der Regierungssekretär verlas die Vollmacht des Domkapitels zur Vornahme der Huldigung, der Vizekanzler die

1) Zur Huldigung vor dem Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn (1719) wurden nicht allein die verheirateten Untertanen, sondern auch die ledigen Bürgerssöhne von 14 Jahren an beordert (BrG 912), zur Huldigung vor Fürstbischof Franz Christoph von Hutten ausser den verheirateten Untertanen auch die jungen Burschen von 20 Jahren an (BrG 919). Unter Bischof August von Limburg-Stirum (1770) legte im Namen der huldigungspflichtigen Untertanen ein Ausschuss jeder Gemeinde die Huldigung vor dem Fürsten ab. Gleichzeitig verlor der Huldigungsakt seine bisherige solenne Feierlichkeit. An ihre Stelle trat nach der Huldigung nüchterne wirtschaftliche Tatsachenerforschung: Frage und Antwort über den Zustand der Gemeindeverhältnisse (vgl. hierzu BrG 831, ferner F. X. Remling, Geschichte der Bischöfe zu Speyer I, Mainz 1852, S. 719). 1714 erschienen zur Huldigung die Untertanen des Oberamts Bruchsal, der Ämter Philippsburg und Grombach zu Bruchsal, die der Ämter Kisslau, Rotenberg und Waibstadt zu Mingolsheim (s. BrG 806, Einnahme der Landeshuldigung durch Bischof Heinrich Hartard von Rollingen [1711-19]. Darnach im wesentlichen auch die folgenden Angaben über die Huldigung zu Bruchsal. Siehe aber auch BrG 864, Huldigung unter Fürstbischof Franz Christoph von Hutten 1747. Für frühere Zeiten die verschiedenen Kopialbücher, die ausführliche Beschreibungen der Huldigungen enthalten. Siehe auch F. X. Remling, Geschichte der Bischöfe zu Speyer II, Mainz 1854, passim).

Eidesformel1). Die Untertanen leisteten den Eid und reichten, Mann für Mann, dem Fürsten und den Abgeordneten des Domkapitels die Hand zum Gelöbnis. Der Oberamtmann sagte, dass die Stabhalter ihre Stäbe abgelegt hätten und es bei dem Regenten stünde, wie es in Zukunft damit gehalten werden solle. Der Fürst erwiderte, dass die Stäbe den Stabhaltern, da sie ihren Dienst treu versehen hätten, wieder verliehen werden könnten. Sie nahmen ihre Stäbe daraufhin wieder an sich. Damit erreichte der eigentliche Huldigungsakt sein Ende. Im Anschluss daran wurde » dem gemeinen Volk Brot und Weisswein gegeben und den ganzen Tag über herrschte Fröhlichkeit<<.

Im folgenden seien nun die Verpflichtungen der Untertanen dargestellt, die einen materiellen Wert repräsentieren. Es sind dies die Abgaben im engeren Sinne, die Bannrechte und Dienste (Fronen).

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Die Abgaben gliedern sich in zwei grosse Gruppen: in die direkten und indirekten. Ein Teil der Abgaben wird periodisch, in bestimmten Zeitabständen erhoben, ein anderer einmal, genauer gesagt: jeweils anknüpfend an eine bestimmte Handlung, mag diese eintreten, wann immer sie will. Darnach kann man periodisch wiederkehrende und Gelegenheitsabgaben unterscheiden. Den Zahlungsmitteln nach ist die Abgabenleistung nicht, wie heute, ausschliesslich immer Geldleistung, sondern in einer Zeit, die mit naturalwirtschaftlichen Elementen noch stark durchsetzt ist, noch Naturalleistung. Eine dritte Möglichkeit besteht in einer hin und wieder vorkommenden Verbindung der beiden Zahlungsleistungsarten,

Die älteste direkte ordentliche, d. h. regelmässige jährliche Staatssteuer ist die Bede2). Ihre zwei hervorstechend

1) Ihr Wortlaut: An sollet Ihr geloben und darnach zu Gott und den lieben Heiligen schwören und als Untertanen und Hintersassen des Hochstifts Speier [folgt der Name des Landesherrn] getreu, hold und gehorsam zu sein als Euerem Bischof und rechten Landesherrn und Euch mit niemandem behelfen denn mit seiner Gnaden oder derselben Amtleute: und wäre es, dass Euer einer oder mehr hätten mit jemand zu schaffen, der hinter dem Stift Speier gesessen, das nirgends auszutragen als an dem Ende, wo er gesessen ist und die Güter gelegen sind. 2) Siehe hierzu im allgemeinen C. Christian Eigenbrodt, Über die Natur der Bedeabgaben, Giessen 1826. Below, Artikel

sten Charakterzüge, wie sie schon für andere Territorien aufgezeigt wurden 1), treten auch hier in unserem Staat auf: die Bede ist Gemeindelast; das der Gemeinde auferlegte Steuerquantum ist fixiert. Durch all die Jahrhunderte hindurch bis zu den Ablösungsgesetzen, über die Zeiten des Bauernkrieges, der in diesen Gegenden vor allen sein Banner entfaltete, mit seinem unglücklichen Ausgang, über die Periode des dreissigjährigen Krieges hinweg, zeigt die Bedeschuldigkeit eine solche Konstanz, dass man ruhig von einer Fixiertheit des Steuerquantums reden kann. Kleine Abweichungen nach oben oder unten kommen vor. Aber was beweisen etwa Steuernachlässe gegen die Tendenz der Fixiertheit, zumal sie rein zufälliger Natur zu sein scheinen, wohl Wirkung herrschaftlicher Vergünstigungen, entsprungen den Bitten der Gemeinden, der Rücksicht auf die materielle Lage der Bauern, auf den Ernteausfall 2) usw. besagen Erhöhungen, die da und dort wirksam wurden, wo es doch dem Landesherrn freistand, die Bede zu mehren oder zu mindern nach Willkür, wie die Formel der Beraine lautet3). Wie selten aber wird von dieser Machtbefugnis Gebrauch gemacht!

Und was

Bede im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl., Jena 1908 ff. Mone, Über das Steuerwesen vom 14. bis zum 18. Jahrhundert in Baden, Hessen und Bayern, in: ZGO 6, S. 1 ff. Erzstift Mainz: Franz Josef Bodmann, Rheingauische Altertümer oder Landes- und Regimentsverfassung des Niederrheingaus, Mainz 1819, S. 779. Zeumer, Die deutschen Städtesteuern (Schmollers Forschungen I, 2, 1878). Weitere Literatur siehe Below, a. a. O. Die Frage der Steuerqualität der Bede erörtert vor allem Eigenbrodt in seiner eben angegebenen Schrift.

1) Siehe die bei Below a. a. O. angeführte Literatur über die verschiedenen Territorien. Ausserdem Ernst, Die direkten Staatssteuern in der Grafschaft Wirtemberg, in: Württembergische Jahrbücher 1904 I, S. 55—90, II, S. 78-119. Arnold Thoelke, Die Bede in Kurpfalz von ihren Anfängen bis ins 16. Jahrhundert, in: Neue Heidelberger Jahrbücher 18 (1913), S. 85–137. So lautet das Thema: Bede in Kurpfalz! Warum Thoelke in einer Arbeit über die Kurpfalz auch den Bruhrain, also rein speyerisches Territorium, mit berücksichtigt, ist nicht ersichtlich; auch schreibt er stets Odenheim statt Udenheim (Philippsburg): ein Unterschied ! 2) Einmal ist uns dies Motiv ausdrücklich bezeugt: die Weinbede der Dörfer Zeutern und Stettfeld nimmt ab und zu; sie wird je nach dem Herbst getätigt. Siehe Berain 4452 ff. (Kisslauer Lagerbücher v. J. 1506 ff.); Kisslauer Kellereirechnung v. J. 1740. 3) Siehe Rotenberger Lagerbuch v. J. 1559 und 1618.

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