Imágenes de páginas
PDF
EPUB

keit, chinesische Dinge oder Vorgänge dem europäischen Verständniss nahe zu bringen. Das letztere trifft besonders zu bei den Studien in der älteren und mittleren chinesischen Geschichte. Abhandlungen wie die von Pfizmaier, Plath u. a., oder Werke wie » History of China" von Boulger eine Geschichte China's zu schreiben ist heute noch ein vollständig verfrühtes Unternehmen sind bei aller Gelehrsamkeit und allem Fleiss, die darauf verwendet sind, kaum geeignet, besonderes Iuteresse, sei es für den Gegenstand, oder für die sinologische Forschung überhaupt zu erwecken. Man vergisst in Europa, dass die Chinesen kein Volk der abgeschlossenen Vergangenheit sind, sie existiren heute als politische und ethnologische Einheit wie sie seit Jabrtausenden existirt haben; ja noch mehr als das: kein Volk der Erde hat eine solche Continuität der Entwicklung, eine solche Stabilität der Geschichte bis zur Gegenwart aufzuweisen wie die Chinesen. Der Geist, der in ihren staatlichen Institutionen, in ihren Rechtsanschauungen und in den Grundsätzen ihrer Moral lebt, ist derselbe geblieben im Laufe der Jahrhunderte, unberührt von dem Wechsel der Dynastien, unberührt auch noch von den Einflüssen westlicher Cultur. Bedarf es unter solchen Umständen noch eines Beweises, dass es für den Forscher, der dieses schwer verständliche Volk und seine Werke begreifen will, wenn nicht unumgänglich nothwendig, so doch von der allergrössten Wichtigkeit ist, dass er seine Studien eine Zeit lang da betreibt, wo er gewissermassen den lebendigen Organismus vor Augen und unter den Händen hat, mit dessen Wesen er sich beschäftigen will, d. h. in China selbst; oder dass er wenigstens, wenn ihm hierzu keine Möglichkeit gegeben ist, von solchen Sinologen lernt, die dieses Vorzugs theilhaftig geworden sind?

Wenn somit ein besonderes Gewicht darauf gelegt wird, dass der europäische Sinologe, soweit er nicht, wie z.B. der verstorbene Professor von der Gabelentz, in erster Linie nur rein sprachliche Studien treibt, China wo möglich aus eigener Anschauung kennen lernt, so soll damit keineswegs gesagt werden, dass ein Gelehrter, der diese Bedingung nicht hat erfüllen können, nichts von Bedeutung leisten könne, während jeder andere, der sich in China aufgehalten, ihm von vorn herein überlegen sein müsse. Es bedarf wohl hier nur eines kurzen Hinweises auf die leider nur zu grosse Schaar der Dilettanten, die in China ihr Wesen treiben, Zeitschriften und Bücher anfüllen und weit mehr dazu beitragen, die Sinologie in Misscredit zu bringen als alle nach der Lampe riechenden Arbeiten europäischer Gelehrter. Vor mehreren Jahren habe ich einmal dargethan, wie die zahlreichen Amateur-Philologen und Sinologen, zu denen namentlich die anglo-amerikanischen Missionare ein bedeutendes Contingent stellen, auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft zu kannegiessern lieben '); die dort gegebenen Beispiele würden sich leicht von anderen Disciplinen vermehren lassen. Ausreichende Vorkenntnisse, durchgebildete Methode und wissenschaftliche Gründlichkeit werden bei einem grossen Theile der in China entstehenden Arbeiten in auffallender Weise vermisst. Gützlaff's > Geschichte des chinesischen Reiches" zB., deren Verfasser den grösseren Theil seines Lebens in China zugebracht hat, steht,

die wissenschaftliche Behandlung des Gegenstandes anlangt, entschieden hinter dem Werk von Boulger zurück; und von den zahlreichen historischen Arbeiten eines gewissen schreibseligen englischen Consuls in China hat ein Kritiker boshafterweise bemerkt, dass sie ebenso interessant, aber nicht ganz so lehrreich seien wie die Patriarchen-Tabellen der Genesis.

Wenn also, um wieder auf Prof. Hirth zurückzukommen, darauf hingewiesen wird, dass » nicht die Werthlosigkeit des zu bearbeitenden Materials" die Sinologie in ihrer Stellung als Wissenschaft

1) China and comparative philology. China Review, Vol. XX, pag. 310 ff.

ܕ

herabgedrückt habe, sondern » die Methode der Bearbeitung" (> Länder des Islâm”, p. 5), so hat dies sicherlich seine Berechtigung, wenn auch, wie mir scheint, in etwas weiterem Sinne als nach der Auffassung des Verfassers von > Die Länder des Islâm”. Auch ist es nur mit Genugthuung zu begrüssen, wenn ein Mann wie Hirth, der selber ein namhafter Gelehrter von gründlicher wissenschaftlicher Schulung ist, dazu eiu hervorragendes Talent besitzt, einen Gegenstand interessant darzustellen, und China aus einer langjährigen amtlichen Thätigkeit kennt, wenn ein solcher Mann, meine ich, mit warmem Eifer für eine Reorganisation der sinologischen Studien, namentlich in Deutschland, eintritt und mehr Interesse für eine Wissenschaft zu erwecken sucht, deren Wichtigkeit lange nicht genügend gewürdigt wird, und die ihre stiefmütterliche Behandlung sicher nicht verdient. Ebenso soll auch nicht bestritten werden, dass die Sinologie eine selbständige Disciplin sein muss, die die ganze Kraft eines Forschers verlangt und nicht als eine Neben- oder Hülfswissenschaft angesehen werden darf. Aber gerade in der Vertheidigung dieser letzten Maxime ist Hirth in seinem neuesten Artikel » Über sinologische Studien" erheblich über das Ziel hinausgeschossen. Wenn er seinem Unmuth über die » Sprachphilosophen" hier und da Luft macht, »die chinesische Grammatik neben einer langen Reihe verwandter und nicht verwandter Sprachen treiben", so mag dies bis zu einem gewissen Grade begründet sein;

er aber erklärt, dass das Studium anderer orientalischer Sprachen neben der chinesischen überhaupt verwerflich sei, dass es » das Interesse von der Hauptsache ablenke und die Kräfte zersplittere", so kann ich dies nur als eine bedauerliche Verirrung meines verehrten Landsmannes bezeichnen. Ich stelle dem gegenüber die Behauptung auf, dass die Kenntniss anderer orientalischer Sprachen für gewisse Gebiete der Sinologie - von Sprachwissenschaft ganz abgesehen nicht nur sehr wünschenswerth, sondern sogar un

wenn

[ocr errors]

umgänglich nothwendig ist; und zwar meine ich dabei in erster Linie das Sanskrit, das Tibetanische, Mongolische und Mandschu. Für jeden, der sich einmal in ernsterer Weise mit dem chinesischen Buddhismus beschäftigt hat, wird dies eines Beweises nicht bedürfen. Eine wenigstens oberflächliche Kenntniss des Sanskrit und Pali ist hier schon wegen der reichen Terminologie unerlässlich; wer diese verschmäht sich anzueignen, der wird bei der Lectüre der buddhistischeu Sūtras im Dunkeln tappen, und die wichtigsten chinesischen Werke, wie z.B. das unschätzbare Wörterbuch Fan-yi ming-i, werden für ihn einfach unbrauchbar sein. Nur der Sinologe, der zugleich Sanskritist ist, wird ferner die wichtige Frage beurtheilen können, in wie weit wir es in der mahâyânistischen Litteratur wirklich mit Übertragungen indischer Originale und in wie weit mit solchen Werken zu thun baben, die trotz ihres fremdartigen Titels selbständig auf chinesischen Boden entstanden sind. Wer den Lamaismus studiren will, der in der späteren Geschichte China's ein so bedeutungsvolles Element bildet, dabei aber das Mongolische und Tibetanische als nicht zu seinem Fach gehörig bei Seite lässt, der wird ein Dilettant bleiben, auch wenn er die erstaunlichsten chinesischen Kenntnisse besitzt. Ferner: nicht nur das Studium der interessanten Geschichte der mongolischen Yuan-Dynastie, sondern auch ein Eingehen auf die Beziehungen des gegenwärtigen Herrscherbauses zu der tibetanischen Hierarchie und den Völkerstämmen der Mongolei, die Unterwerfung der letzteren durch die Mandschus, wird eine banausische Arbeit bleiben, wenn der Sinologe nicht wenigstens so viel tibetanisch und mongolisch versteht, dass er die Namen, Titel und technischen Ausdrücke erklären kann. Und nun das Mandschu, von dem Herr Hirth wegwerfend behauptet, dass >zur Erschliessung der Cultur und Litteratur Chinas, zur Erforschung der Geschichte Asiens, die darauf verwendeten Nächte nichts nützen"! Ja, vielleicht nichts für die Erforschung der mittelalter

[ocr errors]

lichen Beziehungen von Süd- und Mittel-China zu Westasien, aber sehr viel für die Geschichte der gegenwärtigen Dynastie! In den zahllosen kaiserlichen Tempeln und Schlössern von Nord-Chihli finden wir überall riesige Marmor-Tablets mit langen Inschriften in Chinesisch und Mandschu (in den Lama-Klöstern auch häufig noch Tibetanisch und Mongolisch). Diese steinernen Documente haben oft einen interessanten und sehr instructiven Inhalt, ja ich glaube sogar, dass sie unter Umständen für den Historiker von grösserem Werthe sein können als die officielle Chronik, da sie von der jeweiligen Situation oder einem charakteristischen Regierungs-Akt

unmittelbarer zu uns reden als die letztere. Leider sind aber jene Inschriften wegen ihres feierlichen Stiles durchaus nicht immer leicht zu verstehen, und bei solchen schwierigen Stellen kann die einfachere Mandschu-Version, wenn man sie zu lesen vermag, einen höchst schätzbaren Commentar abgeben. Auf den Werth von Mandschu-Übersetzungen chinesischer Werke will ich hier nicht eingehen. Prof. Hirth wird nicht läugnen wollen, dass die hier erwähnten Studien ebenfalls Zweige vom Stamme der Sinologie sind und eine weitere Cultivirung wohl verdienen.

Und nun noch ein Wort zu Gunsten der Prof. Hirth offenbar sehr unsympathischen Sprachwissenschaft. Wo und wie »in seit einem Menschenalter, besonders in Deutschland, eine sprach-philosophische und gramioatische Richtung” hervortritt mit Bezug auf das Chinesische, ist mir nicht ersichtlich. Hirth hat viellicht eine ungünstige Meinung über die Arbeiten des verstorbenen von der Gabelentz, aber man kann doch nicht die Studien eines Mannes für eine » Richtung" in einem ganzen Lande erklären. Ebenso unklar ist es mir, wen er in Deutschland dabei im Auge hat, wenn er von der > unvermeidlichen Mittelmässigkeit derer" spricht, » die im Chinesischen nur eine Ergänzung ihrer polyglotten Studien erkennen etc. etc.” Oder sollte Herr Hirth gar die Phantastereien der etymo

[ocr errors]
« AnteriorContinuar »