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verlangte von den nach Rom und von Rom aus gegründeten, demnach von ihm abhängigen Gemeinden Gehorsam auf Grund des primatus, dessen Verbindlichkeit freilich eine afrikanische Synode zu Karthago noch bestritt. Tatsächliche Vorgänge kamen diesen Ansprüchen zu statten. In Rom wurde der Metropolit von Alexandria der Ketzerei bezichtigt; nach der Entscheidung des Kaisers Aurelian (270-275) sollte die durch den Ausschluss des Paulus von Samosata erledigte Kirche von Antiochien dem zugesprochen werden, mit dem der Bischof von Rom und die Bischöfe Italiens Gemeinschaft hielten; im Jahre 314 bat ein Concil von Arles den römischen Bischof Sylvester (314-335) um die Bekanntmachung seiner Beschlüsse. Für keine Kirche des Abendlandes ist die Anerkennung des Christentums durch den Staat förderlicher gewesen als gerade für die römische.

§ 3. Staat und Kirche.

P. ALLARD, Histoire des persécutions pendant les deux premiers siècles Paris 1903. A. BIGELMAIR, Die Beteiligung der Christen am öffentlichen Leben in vorconstantinischer Zeit (Veröffentlichungen aus dem kirchenhistorischen Seminar München Nr. 8). München 1902. C. CALLEWAERT, Les premiers Chrétiens et l'accusation de lèse- majesté. Besançon et Paris 1904 (Revue des questions historiques LXXIV, 1903, S. 23 ff.). M. CONRAT, Die Christenverfolgungen im römischen Reiche. Leipzig 1887. E. FRIEDBERG, Lehrbuch S. 34 ff. F. GÖRRES, Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie XLVII (1904), S. 381 ff. O. HIRSCHFELD, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1888, S. 833 ff. FR. MAASSEN, Neun Capitel über freie Kirche und Gewissensfreiheit (Gratz 1876), S. 23 ff. TH. MOMMSEN, Historische Zeitschrift LXIV (1890), S. 389 ff. TH. MOMMSEN, Römisches Strafrecht (Leipzig 1899), S. 35 ff. 575 ff. K. J. NEUMANN, Der römische Staat und die allgemeine Kirche bis auf Diocletian I. Leipzig 1890. B. NIEHUES, Geschichte des Verhältnisses zwischen Kaiserthum und Papstthum im Mittelalter I (Münster 1863), S. 129 ff. F. OVERBECK, Studien zur Geschichte der alten Kirche I (Schloss-Chemnitz 1875), S. 93 ff. O. SEECK, Zeitschrift für Kirchengeschichte XII (1891), S. 381 ff. J. E. WEIS, Christenverfolgungen. Geschichte ihrer Ursachen im Römerreiche. (Veröffentlichungen aus dem kirchenhistorischen Seminar München Nr. 2). München 1899.

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Die Bedeutung der ersten drei Jahrhunderte für die Geschichte des Christentums erschöpft sich nicht in der Ausbildung der kirchlichen Verfassungsformen: sie brachten zugleich die Auseinandersetzung des römischen Staates und seiner Religion mit den Bekennern der christlichen Lehre. Wohl gebot diese dem Kaiser zu geben was des Kaisers ist" (Marc. 12, 17; vgl. Rom. 13, 1 ff.), aber eben durch ihren nicht nationalen Monotheismus setzte sie sich in offenen Widerspruch zu den vorhandenen Kulten, vor allem zur göttlichen Verehrung, die dem Kaiser als Träger der Staatsidee gezollt wurde und sich darstellte als der religiöse Ausdruck des Gehorsams gegen den Staat. Der einzelne Christ war demnach Gottesleugner (ädeos), staatsgefährlich und schuldig des Majestätsverbrechens, für dessen Ahndung im ordentlichen Prozessverfahren kapitale Strafen wie z. B. der Verlust des römischen Bürgerrechts, der Freiheit und des Lebens zur Anwendung gelangten. Häufiger und bei Nichtbürgern allein

statthaft war das Einschreiten vermittelst der coercitio, d. h. der Bestrafung auf dem Verwaltungswege durch kaiserliche und städtische Behörden, sobald der einzelne Christ die Teilnahme am Kaiserkultus verweigerte, andere davon abzuhalten suchte und dadurch als dem Gemeinwesen schädlich erschien. Hier konnte der Beamte, ohne an prozessuale Formen gebunden zu sein, nach freiem Ermessen Art und Höhe der Strafe bestimmen; er war abhängig von der jeweiligen Volksstimmung, die ihren Hass gegen das Judentum auf die neue Lehre übertrug, weil sie deren Anhänger des odium humani generis und der ärgsten geheimen Verbrechen beschuldigte. Trajans Reskript vom Jahre 112 bestimmte zwar, dass die Christen nicht von Amtswegen aufgesucht, sondern nur auf Anklage hin verfolgt werden sollten 1), stellte aber die Strafwürdigkeit des Christentums als Norm fest, aus der wie stete Rechtsunsicherheit für den einzelnen Christen so für die Gemeinden dauernde Gefährdung ihres Bestandes, ihrer Einrichtungen und ihres Besitztums sich ergeben mussten. Von einer allgemeinen, gegen die Christen überall vorgehenden Verfolgung kann bis zur Mitte des dritten Jahrhunderts nicht die Rede sein; landschaftliche Verfolgungen nur, so unter Marcus Aurelius (161-180) und Septimius Severus (193-211), liessen freilich zahlreiche Märtyrer die sittliche Kraft ihres Glaubens bezeugen.

Die Zeit tatsächlicher Duldung und stossweiser Bekämpfung unterbrach unter Kaiser Decius (249-251) die erste allgemeine Verfolgung der Christen: die Laien sollten bei fortdauernder Widersetzlichkeit gegen das Opfer an die Staatsgötter mit Körperstrafen, Haft, Vermögenseinziehung und Verbannung belegt, die Bischöfe sofort zum Tode verurteilt werden. Valerianus (253-260) verbot den Christen bei Todesstrafe den Besuch ihrer Zusammenkünfte und Grabstätten, befahl neben der Amtsentsetzung der christlichen Senatoren und Richter die Hinrichtung aller Bischöfe, Priester und Diakone: sein Edikt sollte die kirchliche Organisation vernichten, die Masse ihrer Leiter berauben. Wohl wurde es durch Gallienus (260-268) wieder aufgehoben, aber in den vier Jahrzehnten der Ruhe verblieb wie vordem das christliche Bekenntnis unter Todesstrafe, die vollstreckt werden konnte, sobald die Versagung der Anbetung des Kaiserbildes amtlich festgestellt war. Immerhin drängte die Lage der Dinge zur Entscheidung, zumal die Zahl der Christen in allen Teilen des Reiches, in allen Ständen sich vermehrte, selbst in der Umgebung des Kaisers Anhänger und Freunde besass. Noch einmal unter Diocletian (284-305) holte der Staat zur Vernichtung der Kirche aus; in ihr sollte die Neuordnung des Reiches und seiner Verfassung, die sich gründete auf die Verbindung der überlieferten Staatsreligion und des orientalischen Despotismus zu einer absoluten Monarchie, gleichsam gipfeln. Ein erstes Edikt (303) befahl die Zerstörung der Gotteshäuser, Einziehung der heiligen Orte und Begräbnisstätten, Verbrennung der heiligen Bücher; alle Christen in amtlichen Stellungen

1) MIRBT2 S. 4.

sollte die Infamie treffen, die Christen in den kaiserlichen Hofhaltungen die Sklaverei, wenn sie bei ihrem Glauben verharrten. Zwei weitere Edikte (303 und 304) ordneten die Gefangennahme der Kleriker an, die jede Art von Folter zur Beteiligung am Opfer zwingen sollte; schliesslich wurde (304) allen Christen Opfer und Libation anbefohlen, die Todesstrafe auf jegliche Verweigerung gesetzt. Während im Osten des Reiches die Verfolgung noch um mehrere Jahre Diocletians Herrschaft überdauerte, kam sie im Westen schon seit dem Jahre 305 zum Stillstand. Das Edikt der Kaiser Constantinus (306-337), Galerius (292-311) und Licinius (307-323) vom 30. April 311 gewährleistete die gesetzliche Freiheit in der Ausübung des Christentums, sobald nur seine Bekenner nicht wider die öffentliche Ordnung handelten. Das Mailänder Edikt der Kaiser Constantinus und Licinius vom 13. Juni 313 ergänzte sodann das Zugeständnis der Toleranz durch die Anerkennung der Parität zwischen Christentum und den staatlich privilegierten Kulten 1). Jedwede Strafgesetzgebung gegen die Christen wurde aufgehoben, den Verurteilten Begnadigung zugebilligt, Rückgabe alles eingezogenen oder usurpierten kirchlichen Besitzes angeordnet, der christlichen Kirche (corpus Christianorum), ihren Angehörigen also, ihrem Vermögen und ihren Einrichtungen, der Schutz des Rechtes zugestanden. Noch war sie nicht zur Reichskirche erhoben.

Zweites Kapitel.

Die Kirche als Reichskirche
im vierten und fünften Jahrhundert.

§ 4. Die Erhebung der Kirche zur Reichskirche.

P. ALLARD, Julien l'Apostat I (Paris 1900), S. 40 ff. TH. BRIEGER, Zeitschrift für Kirchengeschichte IV (1881), S. 163 ff. J. BURCKHARDT, Die Zeit Constantins des Grossen (2. Aufl. Leipzig 1880), S. 347 ff. E. FRIEDBERG, Die Gränzen zwischen Staat und Kirche I (Tübingen 1872), S. 1 ff. O. GRASHOF, Archiv für katholisches Kirchenrecht XXXVI (1876), S. 3 ff. 193 ff. 321 ff. XXXVIII (1878), S. 3 ff. E. HATCH, Gesellschaftsverfassung S. 185 Anm. 27. P. HINSCHIUS, Handbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart I (herausg. von H. MARQUARDSEN. Freiburg i. Br. 1887), S. 192 ff. E. LOENING, Geschichte des deutschen Kirchenrechts I (Strassburg 1878), S. 20 ff. 64 ff. FR. MAASSEN, Neun Capitel S. 62 ff. W. MÖLLER - VON SCHUBERT, Lehrbuch 12, S. 543 ff. 691 ff. TH. MOMMSEN, Römisches Strafrecht S. 595 ff. K. MÜLLER, Kirchengeschichte I (Freiburg i. Br, 1892), S. 165 ff. 184 ff. 216 ff. B. NIEHUES, Kaiserthum und Papstthum I, S. 207 ff. C. J. PLANCK, Geschichte der christlich - kirchlichen Gesellschaftsverfassung I (Hannover 1803), S. 215 ff. L. VON RANKE, Weltgeschichte III, 1 (Leipzig 1883), S. 525 ff. IV, 1 (1883), S. 35 ff. V. SCHULTZE, Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche X (3. Aufl. Leipzig 1901), S. 757 ff. U. STUTZ, Kirchenrecht S. 817 ff.

1) MIRBT2 S. 32.

Die Anerkennung der christlichen Kirche war nur die Vorläuferin ihrer Erhebung zur Reichskirche: gefördert vornehmlich durch die Söhne Konstantins ward sie, nach vorübergehender Reaktion unter Julian (Apostata 361-363), durch Theodosius I. (379-395) vollzogen. Die Teilung des römischen Reiches im Jahre 395 zerstörte zwar die Glaubenseinheit noch nicht, liess aber im Osten dank der festeren Verbindung der kirchlichen Organisation mit der Person des Herrschers mehr und mehr einen Cäsaropapismus aufkommen, im Abendlande hingegen ihm infolge der fortschreitenden Auflösung der Reichsgewalt, der Begründung germanischer Staaten auf römischem Boden die Anfänge einer kirchlichen Einigung des Westens unter dem Papst als Oberhaupt zur Seite treten.

Wenn Konstantin der Grosse (306-337) nach dem Mailänder Edikt bemüht gewesen war, durch Begünstigung der katholischen Kirche und ihrer Bischöfe sich eine neue Stütze seiner Allgewalt zu schaffen, SO war er deshalb nicht willens, der Kirche völlige Selbständigkeit einzuräumen: sie hätte durch dogmatische und hierarchische Streitigkeiten auch das staatliche Leben gefährdet. Noch war der Kaiser auch pontifex maximus für die heidnischen Kulte. Diese Doppelstellung haben Konstantins Söhne aufgegeben. Constantius II. (335-361) und Constans (335-350) geboten die Schliessung der heidnischen Tempel und bedrohten jedes Opfer mit Vermögenskonfiskation und Todesstrafe. Wohl suchte Julian (361-363) die frühere Alleinherrschaft des Heidentums wieder herbeizuführen, wohl verkündeten Jovianus (363-364), Valentinianus I. (364-375) und Valens (364-378) noch einmal die Gleichberechtigung und Bekenntnisfreiheit für die Anhänger der alten Staatsreligion wie für die Christen, Gratianus (375-383) verzichtete aber auf die Würde des Pontifex maximus und entzog den heidnischen Kulten ihre Vorrechte, Staatszuschüsse und Besitzungen. Theodosius I. (379-395) befahl im Jahre 380 das Bekenntnis zur Religion, wie sie der hl. Petrus den Römern gelehrt habe, verbot jedwede gottesdienstliche Handlung nach heidnischem Brauche und legte auf jede öffentliche oder geheime Uebertretung die Strafe des Hochverrats. Zwei Gesetze endlich von Valentinianus III. (425-455) schlossen alle Heiden von den Zivil- und Militärämtern aus und bezeichneten es als Aufgabe des Staates, die Einheit des orthodoxen Glaubens herzustellen, jeden Ketzer als von dieser abtrünnig und ebenso jeden Heiden zu verfolgen wie zu bestrafen. Nur ein rechtgläubiger Christ sollte vollberechtigter Bürger des Reiches sein können1). Dem Herrscher, so lehrte der Kirchenvater Augustinus († 430), lag die Sorge dafür ob, dass niemand sich gegen die Kirche und ihre göttlichen Gebote empöre; der hierarchischen Heilsanstalt und Inhaberin der Wahrheit sollte auch der weltliche Staat seine Mittel gehorsam zur Verfügung stellen.

Die Durchführung des Kampfes wider Heiden und Ketzer wurde erleichtert durch die starke Bindung der Kirche an die Person des jeweiligen Herrschers. In seiner Macht waren imperium und sacerdotium

1) Vgl. MIRBT2 S. 62 ff.

:

vereint er war der pontifex maximus, der summus episcopus für die einer einheitlichen Spitze entbehrende Hierarchie, deren Recht, das ius sacrum, als Bestandteil des öffentlichen Rechts bestimmt ward von dem Träger der weltlichen Obrigkeit. „Was der Kaiser will, das soll als Kanon gelten", so verkündete Constantius II. im Jahre 355. Nur mit seinem Willen tagten als Organe ebenso der Regierung wie der Kirche die ökumenischen Synoden, deren Beginn und Schliessung, Verlegung und Vertagung der Kaiser anordnete, gleichwie er sie leitete und beaufsichtigte, durch Bestätigung ihrer Beschlüsse diese zu kirchlichen und staatlichen Gesetzen erhob1). Neben die kirchlichen Instanzen der Rechtsprechung in Sachen der Disziplin trat das Gericht des Kaisers. An ihn konnten Berufungen eingelegt, bei ihm Anklagen gegen die Bischöfe erhoben werden, deren Verurteilung er dann im Westen regelmässig - einer Provinzialsynode übertragen mochte. Kirchliche Strafen erfuhren vielfach durch weltliche eine Verschärfung. Kaiserliche Verordnungen schufen Normen für den Eintritt in den geistlichen Stand, kaiserlicher Oberaufsicht unterlag die kirchliche Verwaltung, deren Autonomie eben an den Staatsgesetzen ihre Grenze fand,

Dieser Leitung der Kirche durch den Staat entsprangen ihre innere Vereinheitlichung und ihre Umbildung zu einer privilegierten weltlich-politischen Macht. Jene wurde erreicht durch die bereits erwähnte Gesetzgebung gegen Heiden und Ketzer, ferner durch Massregeln, die alle fremdartigen und widerstrebenden Elemente unter das Gebot der Kirche zwangen. Wer durch einen oder mehrere Bischöfe ausgeschlossen war, sollte es für die ganze katholische Kirche sein; kein Fremder sollte in einer Gemeinde Aufnahme finden ohne den Friedensbrief; die Bischöfe sollten ihre Gemeinden nicht verlassen dürfen, die übrigen Kleriker nur mit Erlaubnis ihres Bischofs einem anderen sich zu Dienst verpflichten. Hand in Hand damit ging die Ueberweisung staatlicher Aufgaben an die Kirche, z. B. der Armenpflege, und die Teilnahme an der Rechtsprechung durch Uebertragung des Asylrechts der heidnischen Tempel an die christlichen Gotteshäuser. Erfüllt werden konnten diese Obliegenheiten nur dadurch, dass zu den laufenden Einnahmen an Geld und Naturalien ein kirchlicher Kapitalbesitz an Immobilien, Grundstücken also und Gebäuden, und an Mobilien, vornehmlich heiligen Kultusgeräten, hinzutrat, wie ihn nicht zuletzt die Überweisung des heidnischen Tempelgutes, Schenkungen und Vermächtnisse mit sich brachten. Indem aber der Staat der Kirche das Privileg einräumte, Vermächtnisse und Erbschaften anzunehmen, ausserdem von sich aus ihr Vermögen vergrösserte und ihrem Eigentum Rechtsschutz gewährleistete, musste die Kirche bedacht sein, ihren Organismus den beiden Seiten ihres Wesens anzupassen, dem Charakter als einer wirtschaftlichen Macht und der ausschliesslichen Anstalt für das Seelenheil der Gläubigen.

1) Auf den ökumenischen Synoden war der Bischof von Rom regelmässig durch Gesandte vertreten.

Werminghoff, Kirchenverfassung Deutschlands.

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