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Schwere Kriminalanklagen gegen Geistliche konnten nur vor dem weltlichen Gericht verhandelt und entschieden werden. Papst Symmachus (498–514) wurde im Jahre 500 von Theoderich auf Grund gegnerischer Anklagen wegen Ehebruchs, der Verschleuderung von Kirchengut und nicht ordnungsmässiger Osterfeier - nur der erstgenannte Vorwurf fiel in das Gebiet des staatlichen Strafrechts nach Ravenna vor das Hofgericht geladen, Papst Johannes I. (523–526) im Jahre 526 wegen Verdachts des Hochverrats von Theoderich in Untersuchungshaft genommen, während derer er, noch vor dem königlichen Urteil, starb. Gewahrt blieb endlich die Befugnis des Bischofs, als Schiedsrichter tätig zu sein, wenn in bürgerlichen Streitigkeiten zwischen Laien diese auf seinen Schiedsspruch sich einigten. Jede Verletzung des Asylrechts der Kirchen bedrohte Theoderichs Edikt mit dem Tode, um gleichzeitig vor seiner missbräuchlichen Ausdehnung zu warnen.

Diese Abgrenzung der Rechtssphären von Kirche und Staat schloss nicht aus, dass die inneren Angelegenheiten der Kirche selbständig durch die kirchlichen Organe geregelt wurden. Auf die Berufung der Synoden und ihre Beschlüsse hat das Königtum regelmässig keinen Einfluss ausgeübt, wenn nicht wie im Laurentianischen Schisma das Interesse des Friedens ein Einschreiten der weltlichen Gewalt forderte. Die Glaubensgemeinschaft zwischen Rom und Byzanz wurde wiederhergestellt, ohne dass Theoderich als Arianer einen anderen Anteil daran hatte als den, der ihm vorübergehend durch den Schutz der katholischen Kirche wider die Heterodoxie des Kaisers zugebilligt worden war. Von einem Recht des Königs auf Ueberwachung oder Bestätigung der Bischofswahlen war nicht die Rede, und doch konnte es ihm nicht gleichgültig sein, ob Männer zu dem wichtigen Amte befördert würden, die seine Herrschaft vielleicht gefährdeten. Athalarichs Gesetz vom Jahre 533 wider die Simonie bei Papst- und Bischofswahlen, das der übermässigen Verschleuderung von Geld und Kostbarkeiten, ja selbst kirchlichen Gefässen an einflussreiche Hofleute, Beamte, Vornehme und Arme Grenzen setzte, wurde im Einvernehmen mit dem Papst verkündet: nur bei strittigen Wahlen sollte der königliche Hof angegangen und ihm bei der Entscheidung zwiespältiger Papstwahlen 3000, zwiespältiger Bischofswahlen 2000 Solidi entrichtet werden.

Die Geschiche der Papstwahlen selbst seit Ausgang des fünften Jahrhunderts lässt eine durchgängig beachtete Regel nicht erkennen. Mehrfach ernannte ein Papst bei seinen Lebzeiten den Nachfolger; so designierte vielleicht Symmachus (498-514) den Hormisdas (514-523), so Felix III. (526-530) den Bonifatius II. (530-532), dessen Designation zu Gunsten des Diakons Vigilius wieder rückgängig gemacht wurde. Der König selbst setzte den Papst ein, d. h. er führte seine Wahl herbei, so Theoderich im Jahre 526 Felix III., so Theodahad (534-536) im Jahre 536 den Silverius (536-537). Die Papstwahl wurde frei, ohne jedwede Beeinflussung durch den König vollzogen, so bei Gelasius I. im Jahre 492, so bei Anastasius II. im Jahre 496. Den kirchlichen Kanones entsprach nur die letzterwähnte Art der Besetzung des

Werminghoff, Kirchenverfassung Deutschlands.

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erledigten Stuhles, zugleich aber auch der hierarchischen Auffassung, derzufolge die älteste rein kirchliche Papstwahlordnung 1) der römischen Synode vom Jahre 499 der weltlichen, bei der Wahl tätigen Faktoren mit keinem Worte gedachte. Um Gewalttat und simonistische Umtriebe (episcopalis ambitus) auszuschliessen wird verfügt, dass kein Presbyter, Diakon oder Geistlicher überhaupt bei Lebzeiten des Papstes und ohne dessen Wissen sich durch förmliche Namensunterschrift, eine andere schriftliche Erklärung oder auch durch Eide hinsichtlich der Papstwahl verpflichtet, irgendwie seine Stimme verspricht, darüber in Privatzusammenkünften Erörterungen anstellt oder Beschlüsse fasst, anderenfalls soll er seines Amtes entsetzt und excommuniciert werden. Gleiche Strafe soll den treffen, der überführt wird, bei Lebzeiten des Papstes Umtriebe in bezug auf die Papstwürde vorgenommen oder wenigstens versucht zu haben. Stirbt ein Papst unerwartet, sodass er über die Wahl des Nachfolgers keine Anordnung mehr hat treffen können, so soll der ordo ecclesiasticus einmütig oder in seiner Majorität den Papst bestellen. Wer unfrei abstimmt, d. h. sich durch frühere Zusagen gebunden hat oder durch Versprechungen gewonnen ist, soll das sacerdotium entbehren, d. h. des geistlichen Amtes verlustig gehen oder und diese Deutung ist die wahrscheinlichere nicht selbst römischer Bischof werden dürfen, wenn er nicht durch das Eingeständnis seiner Schuld Straflosigkeit erwirkt. Das Synodaldekret nannte zwar nur die stadtrömische Geistlichkeit wahlberechtigt, d. h. die am Concil teilnehmenden Priester der als tituli bezeichneten Kirchen Roms und die städtischen Diakone, tatsächlich aber kam ein Anteil an der Wahl auch dem römischen Volke und dem häufig den Ausschlag gebenden römischen Senate zu, wie denn auch das Wahlprotokoll von Priestern und Laien unterzeichnet werden musste. Dass der so gewählte Papst, neben dem der Wortlaut jenes Dekrets von 499 den vom Vorgänger designierten als gleichberechtigt zuliess, durch den Herrscher bestätigt würde, war allem Anschein nach kein rechtliches Erfordernis für die Gültigkeit seines Pontifikats. Die Anzeige der vollzogenen Besitzergreifung des päpstlichen Stuhls zu Händen des oströmischen Kaisers hatte gleich dem Schreiben zu dessen Thronbesteigung in jener Zeit nur formale Bedeutung. Als die beiden Päpste Symmachus (498-514) und Laurentius (498-505) im Jahre 498 Theoderich um seinen Schiedsspruch, nicht um sein Urteil angingen, das ihm nur kraft einer anerkannten Gerichtshoheit zugestanden hätte, erklärte er sich für Symmachus als denjenigen, der nach den Kanones der Kirche von der Majorität gewählt und zuerst ordiniert worden sei. Das Recht, die Papstwahl von sich aus zu bestätigen, hat der König damals nicht beansprucht. Erst im weiteren Verlaufe des Streites zwischen den beiden Prätendenten gab im Jahre 502 (?) eine römische Synode (in ihrer vierten Sitzung, der sog. synodus Palmaris) auf Befehl des Königs alle geistliche Gewalt und alles Kirchengut an Symmachus zurück.

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1) MG. auct. antt. XII, 399 (MIRBT S. 70); vgl. auch den letzten Senatsbeschluss von 530 (?), Neues Archiv X, 413 ( = XI, 368).

Sie wich damit einem Richterspruch über den Papst aus, und gleich ihr vertraten auch die Bischöfe Ennodius von Pavia († 521) und Avitus von Vienne († um 526) die Anschauung, dass der Nachfolger Petri von niemand gerichtet werden könne; sein Sitz wurde bezeichnet als oberste Appellationsinstanz für Alle und über Alles. Der Primat des Papstes in der abendländischen Kirche ward nicht bestritten, im Gegenteil von den Päpsten selbst häufig betont und auch gegenüber dem Patriarchen von Konstantinopel zur Geltung gebracht, dessen Supremat im Orient wie auf dem Concil von Chalcedon (451) so von neuem im Jahre 476 durch Kaiser Zeno (474-491) bestätigt worden war. Den apostolischen Stuhl aber bezeichnete Papst Hormisdas (514-523) als den Erhalter der katholischen Religion, der sie stets ohne Makel bewahrt habe.

10. Die Organisation der Kirche in Gallien
und der Vikariat der Bischöfe von Arles.

C. F. ARNOLD, Caesarius von Arelate und die gallische Kirche seiner Zeit (Leipzig 1894), S. 182 ff. C. F. ARNOLD, Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche II (3. Aufl. Leipzig 1897), S. 56 f. III (1897), S. 622f. E. CH. BABUT, Le concile de Turin. Essai sur l'histoire des églises provençales au Ve siècle et sur les origines de la monarchie écclésiastique Romaine (417-450). Paris 1904. L. DUCHESNE, Fastes épiscopaux de l'ancienne Gaule I. II. Paris 1894 ff., bes. I, S. 1 ff. 84 ff. W. GUNDLACH, Neues Archiv XIV (1889), S. 253 ff. XV (1890), S. 11 ff. 235 ff. E. LOENING, Geschichte des deutschen Kirchenrechts I, S. 12 ff. 463 ff. H. J. SCHMITZ, Historisches Jahrbuch XII (1891), S. 1 ff. 245 ff. H. J. SCHMITZ, Archiv für katholisches Kirchenrecht LXXII (1894), S. 3 ff. J.ZELLER, Westdeutsche Zeitschrift XXIII (1904), S. 91 ff.

Das

Seit der Reform der Verwaltung des römischen Reiches durch Diocletian (284-305) setzte sich die Praefectura Galliarum, deren Statthalter bis um das Jahr 400 seinen Sitz in Trier hatte, aus drei Ländermassen zusammen, Spanien, Britannien und Gallien. letztere wiederum zerfiel in zwei, später vereinigte Diöcesen mit insgesamt siebzehn Provinzen, deren jede mehr oder weniger civitates umspannte. Die Einteilung des Landes zu staatlichen Zwecken ward die Grundlage der kirchlichen, die aber ihr Vorbild keineswegs durchgängig nachahmte. In der Hauptsache deckten sich wohl die Bistümer von ihnen bestand nur das von Lyon bereits im letzten Drittel des zweiten Jahrhunderts, während die übrigen zum Teil viel später errichtet wurden - mit den Gebieten der civitates; dabei jedoch war nicht ausgeschlossen, dass der Bischof nicht in der Stadt selbst, sondern in einem Nebenorte seinen Sitz hatte, dass vielfach mehrere Stadtbezirke zu einem einzigen Bistum vereinigt waren. Noch im fünften Jahrhundert fehlte es an einer festen Abgrenzung der Bistümer gegeneinander. Auch die Einrichtung der Metropolitanverbände war noch nicht soweit durchgeführt, dass jedes

Bistum dauernd zu einer bestimmten Provinz gehört hätte. Ueber sie hinaus sind zwar gemeinschaftliche Concilien mehrerer Metropolitanverbände bezeugt, aber eine Vereinigung aller zu einer gallischen Gesamtkirche war bis zum Ende des vierten Jahrhunderts noch nicht ins Leben getreten 1).

Die Weiterbildung der Metropolitanverfassung war im oströmischen Reiche während des vierten Jahrhunderts durch die Einrichtung von Patriarchaten zum Abschluss gelangt; jedes von ihnen vereinigte fortan in sich mehrere Metropolitanverbände. Anders in der abendländischen Kirche. Ihre Einheit verkörperte sich im Primat des römischen Papstes, dessen Streben nach Suprematie gerade in Hinsicht auf Gallien einen bedeutenden Erfolg zu verzeichnen hatte. Als Kaiser Valentinianus III. (425-455) zu Gunsten Leos I. (440-461) im Jahre 445 verordnete, dass kein Bischof des weströmischen Reiches etwas ohne Geheiss des Bischofs der ewigen Stadt unternehmen oder sich der Ladung vor dessen Gericht entziehen dürfe 2), vereitelte er zugleich die Versuche des Bischofs von Arles, für sich und seine Kirche einen von Rom unabhängigen, selbständigen Primat in Gallien aufzurichten.

Diese Versuche waren durch Ereignisse der politischen Geschichte hervorgerufen und gefördert worden. Um das Jahr 400 hatte die Residenz des Praefectus praetorio Galliarum aus dem durch die Germanen gefährdeten Trier nach Arles verlegt werden müssen. Hier hatte sich in den Jahren 407-411 der Usurpator Constantinus festgesetzt, bis die Reorganisation der zerrütteten Verwaltung der gallischen Provinzen Arles zum Sitz ihres Landtages bestimmte. Dank der neuen Rechtsstellung der Stadt wuchs die Bedeutung ihres Bischofs. Zuvor dem Metropolit von Vienne untergeben, erhob er zunächst Anspruch auf die Würde des Metropolitans in der Provincia Viennensis, forderte dann im Einvernehmen mit dem Bischof von Rom, dessen Einfluss dadurch gesteigert werden musste, Metropolitanrechte über Gallien überhaupt. Mit Berufung auf die Gründung der Kirche von Arles durch den Apostelschüler Trophimus verfügte Zosimus (417-418), kein Geistlicher irgendwelchen Grades solle ohne die durch litterae

1) Die Notitia Galliarum, d. h. das Verzeichnis der gallischen Provinzen mit Angabe der Metropolen und civitates aus der Zeit von 390 bis 413 (MG. auct. antt. IX, 584 ff.) kennt folgende Metropolen (die hinter den Namen der Provinzen stehenden Zahlen beziehen sich auf die der civitates, zu denen ja auch die Metropolen gehören): Aix (Narbonensis secunda, 7), Besançon (Maxima Sequanorum, 4), Bordeaux (Aquitanica secunda, 6), Bourges (Aquitanica prima, 8), Eauze Novempopulana, 12), Embrun (Alpium maritimarum, 8), Köln (Germania secunda, 2), Lyon (Lugdunensis prima, 3), Mainz (Germania prima, 4), Moutier-enTarantaise (Alpium Graiarum et Poeninarum, 2), Narbonne (Narbonensis prima, 5), Reims (Belgica secunda, 12), Rouen (Lugdunensis secunda, 7), Sens (Lugdunensis Senonica, 7), Tours (Lugdunensis tertia, 9), Trier (Belgica prima, 4), Vienne (Viennensis, 13), also insgesamt 112 civitates, darunter 17 Metropolen. Vgl. unten § 18 und § 40 über die kirchliche Einteilung des fränkischen und des deutschen Reiches.

2) MIRBT2 S. 65; vgl. oben S. 25 f.

formatae zu verbriefende Erlaubnis des Bischofs von Arles nach Rom oder sonst wohin reisen dürfen; der Bischof von Arles allein solle in den Provinzen Narbonensis prima, Narbonensis secunda und Viennensis die Bischöfe einschliesslich der Metropoliten ordinieren und alle kirchlichen Streitigkeiten entscheiden, wenn nicht ihre Bedeutung das Urteil des römischen Papstes verlange; er solle, wie Bonifaz I. (418-422) ergänzend anordnete, die Bischöfe zu Synoden einberufen. Die allgemeine Lage Galliens, in dessen Besitz sich die Westgothen, Burgunder und Franken zu teilen begannen, rechtfertigte einen solchen Vorrang der Kirche von Arles. Mochte er auch nicht unbestritten bleiben, jedenfalls verlangte die bedrohte kirchliche Organisation nach einem festen Zusammenschluss. Ohne grosse Mühe, wie es scheint, konnte Hilarius von Arles († 449) die Provinzen des südlichen Gallien, soweit es noch römisch war, unter seinem Primat vereinigen; alle übrigen Metropoliten wurden ihrer Befugnisse entkleidet, nur von Hilarius bestätigte und ordinierte Bischöfe zugelassen, die von ihm veranstalteten Synoden mit der ausschliesslichen Gerichtsbarkeit über die Bischöfe ausgestattet. Auf der anderen Seite konnte Papst Leo I. nicht gewillt sein, für die Dauer auf die Unterordnung Galliens unter Rom zu verzichten. Bald nachdem eine römische Synode den Klagen über Hilarius und sein nicht immer gesetzmässiges Verfahren bei der oft gewaltsamen Einsetzung von Bischöfen stattgegeben, ihm die Ausübung der primatialen Befugnisse wie sogar der des Metropoliten entzogen hatte, verlieh das erwähnte Edikt Valentinians III. vom Jahre 445 den Ansprüchen des Papstes auf die oberstrichterliche und gesetzgebende Gewalt in der Kirche des weströmischen Reiches Nachdruck und Bestätigung. Mag sich Hilarius gefügt haben oder nicht, erst mit seinem Nachfolger wurde ein Abkommen vereinbart, das für die Provincia Viennensis die Metropolitangewalt des Bischofs von Arles neben der des Bischofs von Vienne anerkannte und seine Primatialgewalt stillschweigend wieder aufleben liess. Wenn auch das räumliche Geltungsgebiet der letzteren infolge der staatlichen Verschiebungen in Gallien mannigfachen Schwankungen unterworfen war, jedenfalls sollte sie fortan aufgefasst werden als Folge der dem Bischof von Arles übertragenen Stellvertretung des apostolischen Stuhls in allen Kirchen Galliens. Der Primat ward verstanden als päpstlicher Vikariat. Sein Träger war der Beauftragte Roms und als solcher berechtigt zur Vornahme von Ordinationen, zur Jurisdiktion in kirchlichen Strafsachen, zur Berufung von Concilien für die Aufrechterhaltung der kirchlichen Satzungen und die Entscheidung von Streitigkeiten. Er war gegenüber den gallischen Bischöfen der Vertreter des römischen Papstes, der durch ihn und zugleich neben ihm in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts eine kaum beschränkte Disziplinargewalt über die Kirchen Galliens ausübte. Diese Verbindung aber der kirchlichen Ordnungen des Landes mit Rom war um so wichtiger, als gerade damals die Staaten der arianischen Westgothen und der Burgunder, später ausser der vorübergehenden Herrschaft der Ostgothen im südlichen Gallien das Reich der Franken

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