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bedenke daß damals weder die Milstätter noch die Vorauer Hs. bekannt war und die Kenntnis des 12. Jahrhunderts im wesentlichen noch auf H. Hoffmanns Fundgruben basierte.

Die Überlieferung ist also die folgende:

M. Bibliothek des Stiftes Melk, Perg. - Hs. R 18, S. 212-222 (Bl. 106-111"), (Nr. 42) mit der Überschrift

Hie hebet sich an alsus

von einem bischolf hiz Bonus.

Die Datierung (ca. 1350) ergibt sich aus der von V. Die bis dahin ungedruckten Stücke sind herausgegeben von Leitzmann in den 'Deutschen Texten des Mittelalters Bd. IV' (Berlin 1904) 1). Herr Bibliothekar Dr. Schier hat mir eine genaue Kollation zum Hauptschen Texte verschafft.

V, Vatikanische Bibliothek, Cod. Christ. 1423, Perg. v. J. 1347, Bl. 110-114, (Nr. 40) mit der Überschrift

Hie hebt sich an sus

von einem pischolscholf (!) der hiez bonus. Eine Abschrift besorgte mir Rud. Meißner durch Fräulein Ella Franken.

Beide Handschriften sind am bekanntesten durch die wertvolle Überlieferung des Strickers, die sie in der Hauptsache bieten. Der Vaticanus galt früher als eine Abschrift des Mellicensis, aber Zwierzina, der vom größten Teil beider Hss. Schwarzweiß-Photographieen besitzt (leider nicht vom 'Bonus'), hatte mich darauf vorbereitet, daß M und V zwar aus derselben Schreibstube stammen, aber keine von beiden Abschrift der andern sei. Der 'Bonus' hat das bestätigt beide Hss. steuern gute Lesarten bei, insbesondere bringt V den Dreireim V. 77-79: sam diu lember spilunde varn gegen den himelischen scharn, daz het er an Davides salme wol ervarn; die Verse beziehen sich offenbar auf Ps. 113, 4 Montes exultaverunt sicut arietes et colles sicut agni ovium ohne freilich von dem grandiosen Bilde des Psalmisten Gebrauch zu machen. Besonders interessant ist die Aufklärung einer Textverderbnis, zu der uns Vin V. 221 verhilft, ohne daß dabei die andere Hs. völlig entwertet wird: in gie demüetekeit an (als noch vil manigen man) M ist unverständlich, in gie diu trácheit an V entspricht wohl der Situation und dem Text des Rhythmus V. 44 et labore longo fessus gravi somno fit oppressus, erklärt aber nicht die Verderbnis in M das richtige ist zweifellos diu müedekeit: dazu ist diu trác

1) Es ist sehr zu bedauern, daß man die Gelegenheit nicht benutzt hat, den damals bequem zu erreichenden Vaticanus heranzuziehen.

heit V eine sinnvolle Bedeutungsvariante, dêmüetekeit M eine sinnlose (durch das innere Gehör verschuldete) Klangvariante.

Im übrigen möge sich mein gegenüber Haupt konservativer Text durch sich selbst rechtfertigen. Ich hielt mich nicht berechtigt von der geschlossenen Überlieferung abzuweichen, am wenigsten aus metrischen Rücksichten oder Vorurteilen, obwohl ich immerhin glaube, daß schon die gemeinsame Vorlage der beiden Handschriften eine Sammelhs. des 14. Jh.s war, die dem 150 Jahr älteren Text gelegentlich ohne Absicht Unrecht getan hat. Festzuhalten ist jedenfalls daß das alte Gedicht keinerlei Überarbeitung erfahren hat; wir haben es hier mit einer zwar nicht guten aber pietätvollen Überlieferung zu tun. Von den Schwierigkeiten welche verbleiben möcht ich drei besonders hervorheben.

V. 90.91 hatte Haupt gegen M (dem jetzt V beitritt) sterre : herre in den Reim gestellt doppelt unmöglich, denn 1) ist sterre eine mitteldeutsche Form, die in dem österreichischen Gedicht ausgeschlossen erscheint, 2) reimt herre(n) consequent auf : ére(n) 128. 204, :lêren 207. Die Überlieferung bietet übereinstimmend sterne erne aber freilich ist mir die Verbindung wunne und erne sonst nirgends begegnet, und scheint überhaupt eine übertragene Bedeutung von erne nicht belegt zu sein.

Sicher verderbt ist die Zeile 206 und sich dô (doch V) gotlich beriet (umb einen andern althêrren), aber Haupts Vorschlag unde si dô got beriet mit einem a. a. will mir nicht einleuchten: es muß eine Emendation gefunden werden die das Zustandekommen des Fehlers erklärt. Ich empfehle die Stelle ganz besonders dem Scharfsinn der Leser.

Das Gedicht bietet 107 Reimpaare, wovon 58 klingend (54%); dazu 9 Dreireime, 4 klingend (442%). Die Dreireime stehn mit einer Ausnahme am Schluß von Abschnitten diese Markierung der Absätze durch den Dreireim teilt der 'Bonus', wie schon Lachmann bemerkt hat, mit dem 'Rheinauer Paulus' und dem 'Priesterleben' des Heinrich von Melk. Wenn nun aber der Dreireim 179 -181 mitten in einen Abschnitt fällt und sich gleichzeitig eine Schwierigkeit der Interpretation zeigt (die Haupt vergeblich durch eine radikale Reimänderung zu beseitigen strebte), so ist klar daß hier eine Verderbnis vorliegt. Ob aber der Fehler im Dreireim steckt, oder ob sich dieser verteidigen läßt und dann der Eingang des mit 182 beginnenden neuen Abschnittes verderbt ist, vermag ich nicht zu entscheiden.

Rechne ich die Dreireime zu den Reimpaaren, so erhalte ich 116 Bindungen; davon sind absolut rein 99 (wozu ich von vorn

herein herren: êren, leren rechne), mithin 84%; die Zahl erhöht sich noch durch die gut österreichischen Bindungen tuon: sun 38 f. and tuon balsamum 175 f.; sach: hernach 219 f.; gebët: stet 124 f. Sehen wir von dem archaischen Notreim gesehen : Jerusalêm 82 f. ab, so bleibt keine weitere vokalische Ungenauigkeit übrig, insbesondere fehlen solche bei den klingenden Reimen ganz: ich war also berechtigt 144 misse (: gewisse) einzustellen. Konsonantische Ungenauigkeiten: 1) im einsilbigen Reim: was: saz 150 f.; an: nam 154 f., dan: gehorsam 156 f.; 2) im zweisilbig stumpfen Reim: phlegen : geben 101 f.; maget: geladet 116 f.; 3) im klingenden Reim: degene : ebene 148 f.; stimme : beginne: chuniginne 13 ff., : chuniginne 103 f., innen: gimmen 86 f.; niemen: dienen 22 f., 114 f.; séle ére 18 f. ë: e reimt nur vor Muta (gebët: stet 124 f. u. vielleicht phlegen: geben 101 f. wegen 227 f.). Es findet sich kein Reim mit überschießendem -n, wie ihn Haupt v. 21 einstellen wollte. Alles in allem wird man das Gedicht nicht früher als in das letzte Viertel des 12. Jh.s setzen dürfen, am wahrscheinlichsten ins neunte Jahrzehnt. Es gehört also zeitlich zwischen das Anegenge und Wernhers Marienlieder einerseits und Albers Tundalus und den obd. Servatius anderseits. In der Metrik freilich ist es altertümlicher, steht dem Heinrich von Melk und der Litanei noch recht nahe.

Für Baiern - Österreich (am ehesten wohl Österreich) spricht schon das Fehlen eines cham im Reime, dazu die Bindung u: uo vor Nasal. Weniger entschieden, aber unbedingt für Oberdeutschland zeugen mehte (: durnehte) 212 und unmegelich (: tregelich) 9; damit kann ich anderes übergehen. Ein ausgesprochen bajuvarisches Wort scheint singoz 'Glocke' (insbes. die kleine Frühglocke) 229 zu sein, vgl. Enikels Wehr. 26028. 43 u. Schm.-Fr. II 290.

Haupt hat das Gedicht, dem man die grobbairische Orthographie des 14. Jh.s natürlich nicht belassen durfte, in normales Mittelhochdeutsch umgeschrieben; ich habe ihm das orthographische Gewand zu geben versucht wie es Handschriften des ausgehnden 12. Jh.s von gleicher Herkunft tragen, also auch die Umlautsbezeichnungen bei u, uo, ô, ou fortgelassen, obwohl ich natürlich glaube, daß der Dichter diese Umlaute gesprochen hat.

Der Held unserer Geschichte ist der heilige Bonitus, Bischof von Clermont-Ferrand (AA. SS. Jan. 15, I 1070) der bald nach dem Jahre 705 gestorben ist und dessen Vita, nachdem sein Leichnam von Lyon nach Clermont überführt worden war (nach 711), im Auftrag der Äbte Adelfius und Euterius von Manglieu (monasterium Magnilocense) niedergeschrieben wurde: mit angehängtem

Transitus und den Wundern des Grabes, die der Überführung rasch gefolgt sind. Mit dieser Vita, einer für die Zeit- und Ortsgeschichte nicht unwichtigen Quelle, die Br. Krusch in den Mon. Germ. hist. Script. rer. Merovingicarum VI 110-139 aus reicher Überlieferung mustergültig wie immer herausgegeben hat, hängt aber das was unsere Legende berichtet in keiner Weise zusammen. Mit dieser hat es vielmehr eine besondere Bewandtnis.

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Etwa 400 Jahre nach dem Tode des Bonitus, wahrscheinlich im Jahre 1094, befand sich der in der Normandie geborene Herbert von Losinga1), der in England seine geistliche Carriere gemacht hatte, auf dem Wege nach Rom, um dem Papst Urban II. sein durch grobe Simonie erworbenes, ihm vom englischen König verliehenes Bistum zu Füßen zu legen — zugleich aber die Übertragung eben dieses Bistums von Thetford nach Norwich zu erwirken. Auf dieser seiner ersten Romfahrt der später noch zwei, 1107 und 1116, gefolgt sind - wird er in Clermont Rast gemacht haben, um sich an dem Bilde des frommen Bischofs zu stärken, der einst ohne ähnliche Gewissensnöte freiwillig sein hohes Amt niedergelegt hatte und arm in die weite Welt hinausgezogen war. In der ursprünglich dem hl. Mauritius geweihten Domkirche zeigte man ihm ein äußerst kostbares und auf wunderbare Weise hergestelltes Meßgewand, das die Gottesmutter in Person ihrem besonders treu ergebenen Diener Bonitus geschenkt habe, und erzählte ihm zugleich, wie es seinem (oder einem seiner) Nachfolger ergangen sei, der sich gern einen ähnlichen Lohn verdienen wollte. Nach seiner glücklichen Heimkehr hat der erste Bischof von Norwich diese beiden Geschichtchen einem anglonormannischen Kleriker erzählt, der sie zu einem Rhythmus von ca. 150 paarweise gereimten Achtsilbern verarbeitete, ohne dabei irgendwelche Kenntnis der Vita zu besitzen. Im Gegenteil bekundet er seine Unwissenheit schon in den ersten Zeilen, denn während die Vita den größten Wert darauf legt, daß Bonitus von Vater und Mutter (Theoderich, Syagria) 'ex senatu Romano, nobili prosapia' abstammte, setzt der Rhythmus höchst unbefangen ein:

Praesul erat deo gratus

ex Francorum gente 2) natus

1) S. über ihn Epistolae Herberti de Losinga ed. R. Anstruther, Bruxelles 1846, und besonders das freilich allzu weitschweifige und wenig kritische Werk von Goulburn und Symonds, The life, sermons and letters of bishop Herbert de Losinga, 2 voll. Oxford 1878; über Herberts Romreisen I 94 ff. 235 ff. 274 ff.

2) Die von du Méril und Haupt benutzten Hss. von Köln und Göttweich bieten hier sachlich schief und metrisch unmöglich genere es ist höchst wunder

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und macht dann alsbald aus der 'basilica S. Mauricii' ein templum Michaelis.

Dieser Rhythmus nun, der wohl noch bei Lebzeiten des 1119 verstorbenen Bischofs Herbert entstanden ist, fand namentlich dadurch eine große Verbreitung, daß er in die bald darauf einsetzenden Sammlungen von Marienlegenden d. h. Marienwundern aufgenommen wurde, vielfach direct in der poetischen Form zwischen die Prosalegenden gestellt 1), später auch gern in prosaischer Kürzung, zumeist wohl in der welche ihm Vincenz von Beauvais gegeben hatte; auch eine Bearbeitung in Distichen gibt es ob sie direkt aus dem Rhythmus oder aber aus einer prosaischen Epitome umgearbeitet ist, konnt ich nicht feststellen. Vgl. dazu Mussafia, Studien zu den mittelalterlichen Marienlegenden I 29. 41. 65; II 11. 13. 15. 26. 30. 36. 51; III 17 (Distichen!); IV 24. 27. 83; V 6. 16.

Der lateinische Rhythmus anglonormannischer Herkunft, der den Kurznamen 'Bonus' für 'Bonitus' einführte, ist die Grundlage unseres Gedichtes, in dem wir die erste deutsche Bearbeitung eines Marienwunders haben - nach einem Menschenalter etwa ist das 'Jüdel' gefolgt. Der von Haupt hergestellte Text des Rhythmus ist freilich nur ein Notbehelf), genügt aber für den Quellenerweis, um so mehr als wir es nicht etwa mit einer genauen Bearbeitung, sondern mit einer freien Niederschrift aus dem Gedächtnis zu tun haben, die, willkürlich und unbewußt, bald fortläßt bald hinzufügt. So fehlt denn nicht nur der Hinweis auf den Gewährsmann Bischof Herbert von Norwich, sondern auch jede Lokalisierung.

Von Beziehungen des österreichischen 'Bonus' zur vorausliegenden deutschen Litteratur ist mir nur eine aufgestoßen, und man wird sich bei dem geringen Umfang des Gedichtes und der Lückenhaftigkeit unserer anderweitigen Überlieferung wohl damit bescheiden müssen. V. 80-85 wird ein Hinweis auf Apoc. 21 eingeschoben, und hier schwebt nicht etwa die Vulgata (V. 18) vor,

lich, daß beide Herausgeber sich damit abquälen, ohne auf das so naheliegende gente zu verfallen: jener indem er Francûm scbreiben, dieser indem er génere 'mit verschliffenen beiden ersten Silben' lesen will! Das richtige bieten ohne weitere Angabe Mussafia (s. u.) und die Bibliotheca hagiographica der Bollandisten I 212.

1) Vgl. z. B. die fälschlich dem Potho v. Prüfling zugeschriebene Göttweicher Sammlung bei B. Pez, Ven. Agnetis Blanbekin Vita et Revelationes etc. (Viennae 1731) p. 409 ff.

2) Als unecht erweisen sich durch Aufgabe der sonst streng durchgeführten Reimtechnik die beiden Verspaare am Schluß.

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