Imágenes de páginas
PDF
EPUB

Beiträge zur schweizerischen Ortsnamenkunde

3.

Dingstätten des Mittelalters.*

Es ist eine bekannte Tatsache, dass die alten Alamannen ihre Dingtage, d. h. ihre Gerichtstage nicht in geschlossenem Raume, sondern unter Gottes freiem Himmel, bald bei einer gewissen Ortsschaft, bald auch von einer solchen entfernt, abhielten. Das ist aber eine natürliche Folge der Einrichtung; denn zu dem Dingtage waren alle, wie wir heute sagen würden, stimmfähigen Mannen verpflichtet; da jedenfalls auch genug nicht verpflichtete Zuschauer dabei waren, so musste eben die Versammlung im Freien abgehalten werden, da keine Gebäude vorhanden waren, die Menge zu fassen. Es ist das auch der Fall mit den Landesgemeinden der Urkantone, die ja nichts anders sind, als die letzten Ausläufer jener alten Dingtage, mit der einzigen Ausnahme, dass das Gerichtswesen im engeren Sinne davon getrennt ist.

Die Dingtage wurden aber nicht beliebig da und dort abgehalten, sondern die Dingstätten, auch Malstätten geheissen, blieben für einen und denselben Bezirk dieselben. So tagten die Leute des Gotteshauses Luzern auf dem Platze vor der Kirche, daher das Staffelgericht. In Schüpfheim wurde der Landtag bei der Kirchhofmauer abgehalten, und der anstossende Hof hatte die Verpflichtung für die nötige Bestuhlung zu sorgen.

So mussten sich die St. Michelsleute zu Beromünster in der sog. Freiet (Freiheit), einem etwas ansteigenden Platze vor der Stiftskirche, versammeln, während die amtirenden Richter und die Anwälte auf dem „Gfletz" (ahd. flazzi-Vorhalle) vor der roten Kirchtüre sassen, daher das Rottürengericht. In Baar wurde der Dingtag vor der Seitentüre der Kirche abgehalten. Bekannt ist das Gericht unter der Linde in Altdorf, wo sich die Richter und Beamten in dem Schatten des dichtbelaubten

*Erste und zweite Abteilung siehe Geschichtsfreund 42 und 44.

Baumes befanden, während die Mannen einen weiten Kreis um denselben bildeten. So wurden auch anderwärts die Dingtage unter Linden oder Eichen abgehalten

Als im Jahre 476 nach heissem Kampfe die Allamannen von den Franken aufs Haupt geschlagen wurden, mussten sie die fränkische Oberhoheit anerkennen. Die Franken führten die Grafschaftsverwaltung ein. Die Grafen wurden vom fränkischen Könige ernannt, und hatten im Frieden im Namen des Frankenkönigs Gericht zu halten und die Einkünfte zu beziehen. Sie hatten den Vorsitz in den Gerichten, und die alten alamanischen Hundertschaftsbeamten waren nur mehr Beisitzer des Gerichtes.1) Dagegen blieben die alten Gerichtsstätten meistens bestehen, wie ehedem. Diese fränkische Gerichtsordnung wurde aber vielerorts bald wieder erschüttert, und zwar meist durch die fränkischen Könige selbst. Das zeigt gerade die älteste Geschichte Luzerns.

Am Ausflusse der Reuss hatte das Kloster Murbach ein Filialkloster gegründet, etwas vor der Mitte des achten Jahrhunderts, a. 730-740.2) Bald nachher vergabte König Pipin dem Kloster Murbach grössern Besitz in Emmen. Die bezügliche Urkunde ist nicht mehr vorhanden, dagegen bestätigte Kaiser Lothar im Jahre 840 diese Vergabung. Laut dieser Urkunde hatten die freien Bauern in Emmen alle Verpflichtungen, die sie bishin dem Könige schuldeten, von nun an dem Abte in Murbach zu leisten. Unter diesen Regalien ist namentlich auch aufgeführt,mallum custodire", das heisst sie hatten an Landtage des Abtes zu erscheinen. An die Stelle des königlichen Grafen als Vorsteher des Gerichtes trat der Abt von Murbach. Zu den Besitzungen in Luzern und Emmen kamen dann 853 die Schenkungen an Land und Leuten am Albis, der Dinghof Lunkhofen, und dann in rascher Auf

1) Siehe Dändliker, Geschichte der Schweiz. I. 101.

2) Vgl. Die Anfänge Luzerns. Von Franz Rohrer. Gschfd. 37. 272, 1882. Der Name Luzern. Von J. L. Brandstetter, Kath, Schweizerbl. 1869, 542. Jos. Hürbin, Luzern und Murbach. Jahresbericht der höhern Lehranstalt, Luzern 1896.

einanderfolge die übrigen Dinghöfe Luzerns, die zusammen das heutige Amt Luzern, mit Ausnahme der drei überseeisch en Gemeinden, die frühere Gemeinde Schachen teilweise, die Gemeinde Emmen und teilweise Neuenkirch, sowie Küssnach und in Unterwalden Stans, Alpnach, und Giswil umfassten. Dändliker, Anfänge der schweiz. Eidgenossenschaft" p.

68 berichtet uns:

„Jeder von den 15 Dinghöfen bildete eine grundherrliche Genossenschaft für sich mit eigenem Gericht und Recht, aber sie waren unter sich wieder durch ein gemeinsames Hofrecht ,,und durch ein Obergericht in Luzern zu einer grösseren Rechts"genossenschaft verbunden. Zweimal im Jahre wurde das Tagding, „die Gerichtsversammlung auf den Höfen abgehalten, wobei „der Abt von Murbach in der Regel persönlich erschien. Der „Propst von Luzern ritt ihm, begleitet vom Meier und Keller „daselbst, mit 17 Rossen bis Elfingen am Bötzberge entgegen. ,,Nun richteten Abt und Propst über Land und Gut in jedem „Dinghof bis nach Luzern hinauf, wo den Herren ein feierlicher ,Empfang bereitet wurde. Hierauf ritt der Abt auch nach Alpnach und Giswil und hielt daselbst Gericht. Zum Schlusse ,folgte ein dreitägiges Obergericht auf dem Staffel zu Luzern, „der Hofstiege vor der Kirche am Predigerplatze, wohin stössige Urteile aus allen 15 Höfen gezogen wurden. Dabei musste ,,der Graf von Habsburg als Kastvogt und die von diesem ,mit der Vogtei über einzelne Höfe belehnten Untervögte ,,beim Abte sitzen. 12 freie Hintersassen des Klosters, die ,,Sog. Stuhlsässen, waren die Urteilsfinder."

Gedrängt durch Schulden trat der Abt entgegen einem früheren Versprechen alle seine Rechte in diesem Gebiete, mit einigen Ausnahmen, die das Kloster im Hof und den Kirchensatz in Sempach betrafen, am 16. April 1291 an Oestereich ab und Oesterreich war von da an Oberherr in diesem Gebiete.

Um zum Thema überzugehen, so ist es selbstvertändlich, dass ziemlich viele Orts- resp. Flurnamen den ehemaligen Dingstätten ihren Ursprung verdanken. So habe ich anderwärts gezeigt, dass die Dingstatt Baar im Kt. Zug dem Worte

,,bar, Gerichtsstätte, Gerichtskreis" seinen Namen verdankt. So ist der Name „Werben", was soviel als „Ring" bedeutet, ebenfalls eine Bezeichung für solche Oertlichkeiten. Ein solcher Name ist der Ortsname „Stuhl".

Dr. M. R. Buck sagt in seinem Oberdeutschen Flurnamenbuch: „Stuhl, Gerichtsstuhl, Gerichtstätte, Stuhlgenossen, „Leute, die zu demselben Stuhl, Gerichtsbezirk, gehören. Be,,kannt sind die Königsstühle, Kaiserstühle. 1414 der Kaiser,,stuhl uf der Fluo im Klettgau. Burgstuhl. 1260 Silva Stuhl. ,,Landstuhl u. s. w. häufig. Lauter alte Gerichtsstätten."

Das ahd. Wörterbuch von Graff nennt Stuohl im gleichen Sinne und so auch die Zusammensetzungen Kuningstuol, Herstuol, Hohstuol, Dingstuol, Suonstuol, alle im Sinne von „Tribunal“.

Besprechen wir im Folgenden einige der hieher gehörigen Ortsnamen. Im 18. Band des Geschichtsfreundes stellt P. Martin Kiem die Geschichte des Meieramtes Giswil dar, die ganz kurz hier wiederholt wird. Giswil stand nach der Niederwerfung der Alamannen durch die Franken unter fränkischer Herrschaft, und die Frankenkönige liessen auch hier die Gerichtsbarkeit durch ihre Grafen ausüben. Ums Iahr 880 kam Giswil an Murbach, resp. an das Kloster Luzern und fortan hatte der Abt die Gerichtsbarkeit in Giswil. Mit dem Verkaufe von 1291 gelangte die Gerichtsbarkeit und damit die Landeshoheit an Oestereich. Der Abt behielt sich jedoch die Einkünfte und Besitzungen vor, welche an die Pfründen des Propstes und der Mönche in Luzern gehörten. Murbach, wie Oestereich, hatte in Giswil einen Meier, der wie anderswo die niedere Gerichtsbar keit ausübte, und die Gefälle bezog. Das Verhältniss zu Oesterreich wurde jedenfalls durch die Kämpfe gegen diese Macht seitens der Urkantone sehr gelockert, ganz aufgehoben war es jedoch nicht. Das Meieramt war nämlich in den Händen derer von Rudenz und Hunwile, und noch im Iahre 1361 empfingen zu Zofingen von Herzog Rudolf von Oestereich Iohannes und Werner von Rudenz und Heintzli, ihr Bruderssohn, den Hof zu Alpnach gelegen zu Unterwalden ob dem Kernwald und Görio

von Hunwil das Meieramt zu Unterwalden in der Kirchhöri Giswil gelegen.1)

Im Jahre 1382 mussten in Folge des Ringgenberger Handels die Hunwil das Land meiden, das Meieramt und das Gericht in Giswil waren verwaist und die Kirchgenossen in Giswil kauften das Gericht und das Meieramt an sich. Später wollten die andern Gemeinden diese Sonderstellung von Giswil nicht mehr dulden; so entspann sich ein Prozess, der dahin geschlichtet wurde, dass der Landamann in Obwalden das Blutgericht in Giswil zu halten habe, und dass von den Bussen ein Dritteil dem Landammann und Zweidritteile den Giswilern zu kommen solle. Die Rechtungen, welche Propst und Kapitel in Giswil noch besassen, erwarben am 23. Iuni 1453 die Kirchgenossen um 200 Rheinische Gulden, und bis 1451 besass Oesterreich die Kollatur der Pfarrei Giswil.

Es ist nicht bekannt, ob der Landammann je zu Giswil das Blutgericht ausübte, nur der Flurname „Galgenmättli, erinnert noch an die alten Verhältnisse.

Ebenso wenig weiss man mit Sicherheit, wo die Stelle der einstigen Dingstatt zu suchen sei. Der Umstand, dass die Herren von Rudenz im 14. Jahrhundert das Meieramt besassen, lässt vermuten, dass auch die Meier früherer Zeil auf der Burg Rudenz südlich von Giswil sassen und daher die Dingstatt auch in der Nähe gel n habe. gel 'n habe. Nun liegt südlich von Rudenz eine mässige Anhöhe, der Kaiserstuhl; n dieser Gegend war denn auch sicher die Stätte, wo vor tausend Jabren die fränkischen Grafen die Herrschaftsrechte ausübten, und von dieser Gerichtstätte wurde der Berg benannt.

Geht man hinter Grafenort über Altzellen hinauf, so gelangt man auf die weite Bannalp, 1712 m., dann auf die Bannalppasshöhe, 2150 m. Hier erhebt sich um 251 m. höher ein zweiter Kaiserstuhl, der von der Passhöhe aus verhältnissmässig nicht gar steil ansteigt und oben mit einem runden grossen Plateau abschliesst. Dieser Platz heisst in einer Schrift des Karl Nikolaus Lang das Gemmi. Zur Erklärung dieses Namens muss.

1) Kopp. Geschichte der eidg. Bünde. 3. Buch. S. 209. Anm. 5.

« AnteriorContinuar »