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I.

Das Thal Glarus unter Seckingen und Oesterreich und seine Befreiung.

Ein rechtsgeschichtlicher Versuch

von

JOH. JAKOB BLUMER,

Mitglied des Civilgerichts und Cantonsarchivar in Glarus.

Vorbericht.

In frühern Zeiten bewegte sich die schweizerische Geschichtschreibung fast ausschliesslich auf dem Felde der äussern politischen Begebenheiten, der Fehden und Kriege, der Beziehungen der Schweiz zum Auslande und der einzelnen Cantone unter einander. Nur zu häufig wurden dabei die innern Zustände, besonders die Staatsverfassungen und Rechtsverhältnisse, sehr oberflächlich behandelt. In den letzten Jahrzehnden hat man auch diese sorgfältiger zu erforschen und darzustellen angefangen, wobei das in Deutschland eifriger betriebene Studium des Mittelalters und seiner volksthümlichen Elemente - eine Folge des dort wieder erwachten nationalen Bewusstseins sehr wohlthätig einwirkte. Treffliche Beiträge haben dazu schon von Arx und Zellweger in ihren Cantonalgeschichten geliefert; zu vollem Bewusstsein wurde die neue Richtung durch Bluntschli's Zürcherische Staatsund Rechtsgeschichte gebracht. Zugleich begann man auch, vorzüglich durch Kopp's Forschungen angeregt, die Entstehung der Eidgenossenschaft einer gründlichern Prüfung zu unterwerfen, und dabei statt blosser Ueberlieferungen, auf denen frühere Darstellungen beruhten, die Urkunden zu Grunde zu legen. Hierdurch wurde man veranlasst, den ursprünglichen Zustand derjenigen Länder, aus denen der Bund hervorgegangen ist, schärfer in's Auge zu fassen und ihre Verfassung aus derjenigen des deutschen Reiches zu erklären, in welches die ganze Schweiz damals eingegliedert war.

An diese verschiedenen, aber unter sich nahe verwandten Bestrebungen schliesst sich nun auch der nachfolgende Versuch an, welchen der Verfasser dem wissenschaftlichen Publikum zu nachsichtiger Beurtheilung empfiehlt. Auch die ältern Zustände und Entwicklungen seines eignen Cantons fand er bis dahin noch nirgends gründlich dargestellt; er glaubte daher durch eine genauere Prüfung und ausführlichere Schilderung derselben die vaterländische Geschichtskunde einigermassen bereichern zu können. Sein redliches Streben war auf möglichste Klarheit in der Darstellung der oft so verwickelten Verhältnisse gerichtet; sollte er diese nicht immer erreicht haben, so wäre das Misslingen bloss seinen schwachen, noch ungeübten Kräften zuzuschreiben. Von dem Inhalte seiner Arbeit hofft er, dass derselbe auch auf die Verfassung andrer schweizerischer Landschaften im Mittelalter, namentlich auf diejenige der benachbarten Waldstätte vor ihren Bündnissen, einiges Licht werfen könnte. Zugleich dürften darin einige Beiträge liegen zu einer unbefangenen Würdigung der in neuerer Zeit in Frage gesetzten Glaubwürdigkeit des Geschichtschreibers Aegidius Tschudi, dessen Nachrichten über seine nächste Heimath hier geprüft werden.

Treffliche Materialien und Vorarbeiten für diese Abhandlung fanden sich bereits in dem Nachlasse meines sel. Schwiegervaters, des zu frühe hingeschiedenen Landammann Cosmus Heer, vor. Die wichtigsten Quellen für die Geschichte von Glarus, welche er in spätern Jahren, nachdem er sich von öffentlichen Aemtern zurückgezogen, bearbeiten wollte, hatte er mit unermüdlichem Fleisse gesammelt, und über einzelne Theile derselben Aufsätze verfasst, aus denen manche schätzenswerthe Notiz hier benutzt oder aufgenommen worden ist. Unter den Quellen verdient besondere Erwähnung eine, von Pfarrer J. J. Tschudi in Glarus in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts angelegte, reichhaltige Sammlung von Urkunden und Manuscripten, welche ich unter der Bezeichnung,, T. U. S.“ (Tschudi'sche Urkundensammlung) häufig anführen werde. Alle übrigen gesammelten Dokumente, welche sich sonst noch in jenem Nachlasse vorfinden, werde ich mit Heer. Samml." (Heer'sche Sammlungen) bezeichnen. Von dem genannten Pfarrer J. J. Tschudi, einem sehr fleissigen und gründlichen Geschichtforscher, rührt auch ein weitläufiges Manuscript her, welches unter dem Titel: Tschudi'sche Stammtafel" *) u. s. w. die Geschichte des Landes Glarus ausführlich beschreibt und mitunter sehr treffende Bemerkungen enthält. Dasselbe wurde mir aus dem Nachlasse des sel. Dekan Zwicki in Mollis mitgetheilt und von mir an verschiedenen Stellen benutzt.

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*) Erwähnt bei Haller, Bibliothek der Schweizergeschichte, Bd. II. S. 548.

Als Belege habe ich meiner Abhandlung zehn noch ungedruckte Urkunden beigefügt, welche mir zur Aufhellung der ältern Geschichte unsers Cantons sehr viel beizutragen schienen. Ich muss dabei freilich bedauern, dass es mir nur bei einer derselben verstattet war, das Original zu Gesicht zu bekommen; manche der übrigen mögen ganz verschwunden sein, andere vielleicht in entfernten Archiven liegen, deren Benutzung mir bis dahin nicht möglich war. Die meisten dieser Urkunden lagen mir indessen in mehrfachen Abschriften vor, deren Glaubwürdigkeit mir entweder durch ihr Alter oder durch die Person des Abschreibers verbürgt schien.

Den Beamteten und Privaten, welche mich an verschiedenen Orten bei meinen Quellenforschungen unterstützt haben, statte ich dafür noch meinen verbindlichsten Dank ab. Sie alle haben, wenn diese Arbeit einiges Gute enthält, wesentlich dazu beigetragen.

S. 1. Die Anfänge.

Ob in der ältesten Zeit das Land Glarus) von Helvetien oder von Rhätien her zuerst bevölkert worden sei, lässt sich nicht mehr ermitteln. Auf einen Zusammenhang mit Rhätien deuten die romanisch klingenden Ortsnamen, welche sich, besonders in den hohen Gebirgen, die jetzt den Canton von St. Gallen, Graubünden und Uri trennen, theils bis auf unsere, theils wenigstens bis auf die urkundliche Zeit hinunter erhalten haben. So kommen im Markenbriefe von 1196) die Berge Mumprecha und Campurecga, im seckingischen Urbar (s. §. 2) die Grundstücke Oron und Geitschun, im Jahrzeitbuche von Elm die Alp Arwis (Erbs) vor, und noch heute finden wir im Sernfthale den Sardonagletscher, die Alpen Gamperdun, Ramin, Trosgi, im Linththale die Panten brücke, den Fetschbach und die Alp Altenohren (alta ora?). So weit die Rhätier wohnten, im Sarganserlande, im Werdenbergischen, in den Gebirgen Toggenburgs und Appenzells haben sie solche Ortsnamen als Ueber

1) Diese gewöhnliche Schreibart, und nicht Glaris, wie nach der Aussprache des Volkes Joh. v. Müller zu schreiben angefangen hat, kömmt schon in den ältesten deutschen Urkunden (bei Tschudi, Kopp, in der T. U. S. u. s. w.) durchgehends vor. 2) Tschudi, Chron.

Helv. I. S. 97.

bleibsel zurückgelassen, während ähnliche Spuren einer helvetisch-gallischen Bevölkerung in der deutschen Schweiz sich nirgends finden. Immerhin mögen auch Helvetier, besonders in dem untern Theile des Landes sich angesiedelt haben, und hier wenigstens drangen auch die Römer mit ihrer Cultur ein, wie sich aus den, in den Jahren 1765, 1828 und 1843 bei Mollis und Näfels aufgefundenen römischen Münzen, vielleicht auch aus dem Ortsnamen Näfels (Navalia) selbst, und aus der Nähe der Castra Rhaetica (der jetzigen Landschaft Gaster) und ihrer Stationen (Quinten, Quarten u. s. w.) mit Sicherheit

schliessen lässt.

Ohne Zweifel war indessen diese älteste römisch-helvetische und rhätische Bevölkerung nur dünn und der grössere Theil des Landes damals noch wenig angebaut. Die ältesten, mit Ausnahme der schon angeführten, durchgängig deutschen Namen der Höfe und Weiler, welche das seckingische Urbar enthält, und manche neuere, die noch an ein Ausreuten und Urbarmachen des Bodens erinnern, beweisen zur Genüge, dass erst die Alamannen, welche in das, den Römern abgewonnene nordöstliche Helvetien als Sieger eindrangen, in stärkerer Anzahl in dem rauhen Bergthale sich niederliessen und dasselbe bebauten. Aus diesem Verhältnisse erklärt es sich vorzugsweise, dass Sprache, Recht und Sitten des frühern Volkes völlig untergingen, indem dieses sich mit den eindringenden Eroberern vermischte ). Dass aber diese ausschliesslich Alamannen

3) Vergl. Bluntschli, Staats- und Rechtsgeschichte von Zürich, Bd. I. S. 14 ff. Wenn Mittermaier (Zeitschr. für Rechtswissensch. und Gesetzgebung des Auslandes Bd. XI. S. 82) glaubt, dass unter den Tschudi'schen Meiern in Glarus neben dem alemannischen auch römisches, vielleicht gar auch noch salisches Recht gegolten habe, So gründet sich diese Annahme einzig auf den, früher im Schlosse Greplang aufbewahrten, jetzt in der Stiftsbibliothek zu St. Gallen (No. 729) sich vorfindenden Codex, welcher in einem Bande das Breviarium Alaricianum, die lex Salica und die lex Alamannorum enthält und (nach der Ansicht des kundigen Bibliothekars, des sel. P. Weidmann) ungefähr aus dem neunten Jahrhundert herstammen mag. Von dieser Rechtssammlung ist indessen nur so viel gewiss, dass sie im Besitze

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