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XIV.

Die amerikanische Expedition nach Japan.

Als Strabon die Thatsachen zusammenstellte, welche in den der Abfassung seines Werkes vorangegangenen Jahrhunderten die Ausdehnung des geographischen Wissens am Meisten gefördert hatten, konnte er nur grofse kriegerische und politische Begebenheiten hervorheben: Alexander der Macedonier und seine Nachfolger hatten den Orient, die Feldzüge der Römer den Occident erschlossen, auch Gallien, Germanien bis zur Elbe und die britischen Inseln bekannt gemacht; durch Mithradat’s Unternehmungen war über die Länder am Pontus neues Licht verbreitet, und die Begründung des Partherreichs hatte zur Kenntniss Hyrkaniens und der centralasiatischen Länder bis Baktrien beigetragen. Neben den Resultaten dieser welthistorischen Ereignisse verschwand der bescheidene Beitrag, den der Handelsverkehr den geographischen Kenntnissen zu allen Zeiten darzubieten pflegt, sowol hinsichtlich seines Umfanges wie seiner Zuverlässigkeit; Strabon lebte recht eigentlich am Abschluss jener grossen Periode, in welcher griechische und römische Cultur auf der Spitze des Schwertes nach Ost und West getragen wurde, und der fleissige Gelehrte den blutigen Spuren folgte, die das Vordringen kühner Eroberer in den unterworfenen Ländern zurückgelassen hatte.

Was die Geographie des Alterthums der Eroberungssucht, dankt die des Mittelalters religiösen Motiven, die freilich oft zu nicht minder blutigen Ereignissen führten. Religiöse Motive trieben die Heere der Araber weit in das Innere Asiens und über das nördliche Afrika, und bewahrten inmitten allgemeiner Verkümmerung der geistigen Cultur die Fackel der geographischen Wissenschaft wenigstens unter diesem Volke vor gänzlichem Erlöschen; sie führten die Schaaren der Kreuzfahrer und Pilger nach dem Orient und retteten dadurch einen Keim geographischer Anschauung, der wenige Jahrhunderte später die höchste Fruchtbarkeit entwickeln sollte, vor dem drohenden Untergange; sie leiteten fromme Mönche durch die asiatischen Einöden zum fernsten Osten, wohin nie der Fuss eines Europäers gedrungen war. Damals folgte der Geograph zur wissenschaftlichen Erndte dem Priester und dem Propheten.

Beide Momente haben auch heute noch ihre Wirksamkeit nicht ganz verloren. Der Krieg freilich scheint ein ausschliessliches Erbtheil der civilisirten Nationen geworden zu sein und nicht mehr, wie sonst, die Kenntniss barbarischer Länder aufzuschliessen; aber wenn er fast ganz aufgehört hat, neues Terrain für die Wissenschaft zu erobern, so haben doch militärische Interessen zur detaillirten, möglichst erschöpfenden Kenntniss des der Geographie bereits anheimgefallenen Gebietes in hohem Grade beigetragen, und namentlich dadurch, dass sie exacte Terrain - Aufnahmen veranlassten, eine der vollkommensten Blüthen der geographischen Wissenschaft gezeitigt. Auch die Wirkung religiöser Motive hat während des siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts in der unermüdlichen Thätigkeit der Jesuiten, zu unserer Zeit in dem Eifer der Missionare einen Nachklang gefunden. Aber, soweit es sich um die Erschliessung des bisher Unbekannten handelt, stehen beide Momente weit zurück hinter der gewaltigen Triebkraft, welche seit dem fünfzehnten Jahrhundert mit stets wachsender Stärke die Handelsinteressen geäussert haben. Zwei Umstände kamen dieser Wirksamkeit ungemein zu Statten: die Buchdruckerkunst, mit deren Erfindung der Aufschwung des Handelsgeistes zusammenfiel, verkürzt die Zeit, in welcher die Erfahrungen und Erforschungen des Einzelnen ein Gemeingut Aller werden, und die Benutzung der Dampfkraft überwindet in wunderbarer Weise die Schwierigkeit, welche die räumlichen Dimensionen der Erforschung ferner Länder bisher entgegengestellt haben. So hat die Wissenschaft in dem Streben nach materieller Verbesserung einen der mächtigsten Hebel gewonnen und ihrerseits dem praktischen Leben die fruchtbarsten Hilfsmittel dargeboten: Wissenschaft und Leben durchdringen sich so innig, dass es oft schwierig ist, zu entscheiden, was wir der spontanen Thätigkeit der einen oder den treibenden Interessen des anderen verdanken.

Sollen wir nun sagen, weshalb gerade die Expedition der Amerikaner nach Japan solche Betrachtungen anzuregen geeignet ist? Es bandelt sich bei dieser Unternehmung nicht blos darum, dass ein seit zwei Jahrhunderten dem europäischen Verkehr verschlossenes Reich wieder zugänglich gemacht ist, oder darum, dass wir über ein pa kleine Inselgruppen und einige japanesische Häfen vollständigere Belehrung erhalten haben. Die Expedition nach Japan ist vielmehr nur eine vereinzelte, wenn auch hervorstechende Thatsache in der grofsartigen und folgenreichen Bewegung, welche das ausgedehnteste Wasserbecken des Erdballs einem lebhafteren und regelmässigen Verkehr zugänglicher zu machen, die zahlreichen Inselgruppen, die weiten Küstenländer desselben in den Kreis unserer Culturentwickelung hineinzuziehen sucht. Durch die Anknüpfung vertragsmässiger Handelsverbindungen zwischen den Vereinigten Staaten und Japan wird die bedeutungsvolle Thatsache constatirt, dass sich die von Europa nach Ost und West ausgegangenen Culturwellen jetzt auf der anderen Seite des Erdballs berühren, dass die Dimensionen dieses Planeten von der Thatkraft des Menschen nicht blos in vereinzelten Fällen, sondern in ununterbrochener Folge für das praktische Leben bemeistert werden sollen.

Es ist nicht nöthig, auseinander zu setzen, was die Gcographie gewinnen wird, wenn der Stille Ocean für den Handelsverkehr nicht mehr ein stilles Meer, sondern so belebt wie der Atlantische sein wird; die geographische Bedeutung dieses Umschwungs ist so augenfällig. dass es keiner Rechtfertigung bedarf, wenn wir das ihn einleitende Ereignils in diesen Blättern einer ausführlichen Besprechung für werth erachten.

Der Ausgangspunkt der grossartigen Thätigkeit, welche die entlegenen Küsten des Stillen Oceans näher aneinander zu rücken sucht, liegt in Californien. Wie vor drei Jahrhunderten der lockende Glanz des peruanischen Goldes die rasche Erkundung des ganzen südamerikanischen Continents mächtig beförderte, beschränkt sich auch heute die Wirkung des californischen Goldes nicht auf die Colonisation der Senkung zwischen der Sierra Nevada und der californischen Küstenkette. Sie hat das Gesetz des allmählichen Fortschreitens der Cultur von Ost nach West innerhalb des weiten Gebietes der Vereinigten Staaten kühn durchbrochen und an den Küsten des fernen Oceans, weit entlegen von allen Culturstätten, aus den thätigsten Elementen des unternehmendsten Menschenschlages ein Gemeinwesen begründet, das nach wunderbar schneller Entwickelung alle Hilfsmittel unseres vorgeschrittenen Zeitalters in Bewegung setzt, um mit der civilisirten Welt in Ost und West eine schnelle und gesicherte Verbindung zu gewinnen und zur Erhöhung der Intensität seines regsamen Lebens den Strom des Weltverkehrs durch sein Gebiet zu lenken. Durch diesen plötzlichen Impuls sind Projecte, deren Verwirklichung unter anderen Umständen vielleicht noch ein Jahrhundert auf sich hätte warten lassen, zu brennenden Tagesfragen geworden. Um die Ost- und Westküste der Vereinigten Staaten in eine bequemere Verbindung zu bringen, denkt man daran, die weite Ausdehnung der des Anbaues noch harrenden Prairien durch Schienenwege zu überwältigen, und durchforscht den Isthmus von Panamá, um die geeignetste Stelle zur Anlage einer Canalverbindung zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Meere ausfindig zu machen; die schon jetzt quer über den Isthmus gelegte Eisenbahn ist recht eigentlich ein Resultat des Aufschwungs Californiens. Nach der anderen Seite, nach Westen hin, ergriff der junge Staat sofort das Scepter der Herrschaft über den Stillen Ocean; seine Schiffe befahren des Walfischfanges wegen die nordischen Gewässer, sie treiben einen gewinnreichen Ilandel mit China und führen von dort tausend fleissige Arme zum Vortheil der Landwirthschaft nach Californien. Im Hinblick auf eine solche Regsamkeit können sich schon jetzt die europäischen Seemächte einer lebhaften Besorgniss nicht erwehren, wenn sie an das künftige Schicksal der Sandwich-Inseln denken.

In diesem Umschwung, der auf den Gewässern des Stillen Oceans eingetreten ist, war die Nothwendigkeit der Expedition nach Japan gegeben.

Die Entfernung vom Goldenen Thore San Francisco's bis Shanghai beträgt 6475 Seemeilen. Auf einer so weiten Reise bedürfen Segelschiffe einiger Hafenplätze, in denen sie Proviant und frisches Wasser einnehmen können, und den Dampfschiffen, die jene Strecke in 30 Tagen zurücklegen können, ist es unmöglich, den für die ganze Reise erforderlichen Kohlenvorrath mit sich zu führen. Bisher gewährten nur die Sandwich-Inseln, 2093 Seemeilen von San Francisco entfernt, einen Ruhepunkt: wenn der Handel zwischen Californien und China rascher aufblühen, wenn namentlich eine Dampfschifffahrtsverbindung zwischen den gegenüberliegenden Küsten des Stillen Oceans hergestellt werden sollte, so war es ein dringendes Bedürfniss, auch auf den beiden Drittheilen des Weges, die jenseits der SandwichInseln liegen, einen Hafenplatz und ein Kohlendepôt zu gewinnen. Ob eines der Eilande in der inselarmen Nordhälfte des Meeres zu diesem Zwecke dienlich sein würde, war zweifelhaft; auf alle Fälle musste man an einen der japanesischen Häfen denken, als an Ruhepunkte, die zwar den Weg von den Sandwich - Inseln nach China in zwei sehr ungleiche Hälften zerlegen, dennoch aber für die amerikanische Schifffahrt sowol in dieser wie in anderen Beziehungen unentbehrlich sind.

Denn in den japanesischen Gewässern hält sich alljährlich für längere Zeit eine beträchtliche Anzahl amerikanischer Schiffe des Walfischfanges wegen auf. Nicht blos das Bedürfniss, von Zeit zu Zeit frische Lebensmittel einzunehmen, sondern vornehmlich die Nothwendigkeit eines Zufluchtsortes in diesem von heftigen Stürmen heimgesuchten und klippenreichen Gewässer an einer felsigen, oft von dichten Nebeln verhüllten Küste liessen es schwer empfinden, wie sehr die exclusive Politik des japanesischen Hofes den handeltreibenden Nationen schade. Es musste als eine Unmenschlichkeit erscheinen, dass Schiffe, die durch Mangel an Proviant, oder um einer Reparatur willen, oder in Folge stiürmischen Wetters einen der japanesischen Häfen anzulaufen gezwungen waren, von den Küstenbatterien beschossen und erbarmungslos dem Winde und den Wogen preisgegeben wurden, und es war tief zu beklagen, dass Schiffbrüchige selbst dann, wenn sie sich an die Küste gerettet hatten, hier eben so verschollen und verloren waren, als ob sie auf hoher See ihren Untergang gefunden hätten. Um die ganze Unerträglichkeit solcher Verhältnisse zu erkennen, darf man sich die ungastlichen Küsten des japanesischen Inselreichs mit seinen der Schifffahrt so gefährlichen Gewässern nur in den Atlantischen Ocean auf den Weg von Liverpool nach New-York versetzt denken: alle handeltreibenden Nationen würden sofort die Nothwendigkeit fühlen, einem so singulären Unwesen ein Ende zu machen. Es war für den Aufschwung des Schiffsverkehrs in der nördlichen Hälfte des Stillen Oceans eine unerlässliche Vorbedingung, dass den einfachsten Geboten der Menschlichkeit an den japanesischen Küsten Nachachtung verschafft wurde.

Aber die Lösung dieser Aufgabe schien mit ausserordentlichen Schwierigkeiten verknüpft zu sein.

Seit zwei Jahrhunderten waren alle Versuche europäischer Nationen, eine Handelsverbindung mit Japan anzuknüpfen, vollständig gescheitert. Im Jahre 1637 hatte ein kaiserliches Decret alle Portugiesen mit Weib und Kind und allen Angehörigen aus den Grenzen des japanesischen Reiches verbannt, und jeden Eingeborenen, der das Ausland zu besuchen und wieder heimzukehren wagen würde, mit Todesstrafe bedroht. Das Decret fand zwei Jahre später strenge Ausführung. Unmittelbar darauf folgte ein blutiger Bürgerkrieg, in welchem die christliche Bevölkerung ausgerottet wurde; die Inschrift auf dem Grabe der bei Simabara gefallenen Märtyrer, dass , so lange die Sonne scheine, kein Christ es wagen solle, den Boden Japans zu betreten, und dass selbst der König von Spanien oder der Christen Gott die Nichtachtung dieses Verbots mit dem Leben würde büssen müssen“, diese Inschrift bildete seitdem die unwandelbare Regel für die Politik Japans in Bezug auf alle auswärtigen Nationen. Als die Engländer, welche von 1613 bis 1623 mit Japan einen ziemlich freien Verkehr unterhalten, dann sich aber freiwillig zurückgezogen hatten und nicht im Entferntesten in die politischen Wirren verwickelt waren, die jener Katastrophe vorangingen, — als die Engländer im Jahre 1673 die unterbrochene Verbindung wieder aufnehmen wollten, wurden sie kurz zurückgewiesen, weil König Karl II. eine portugiesische Prinzessin geheirathet habe. Im Laufe des jetzigen Jahrhunderts haben sie ihren Versuch, zum Theil mit grosser Schlauheit, mehrmals erneuert, doch stets erfolglos. Russland hatte dasselbe Schicksal. Es wollte 1792 die Zurücksendung schiffbrüchiger Japanesen zur Anknüpfung von Verhandlungen benutzen; aber Lieut. Laxman, der Befehlshaber des russischen Schiffes, wurde in dem Hafen von Hakodadi mit der Androhung, dass er im Falle einer Landung die Freiheit verwirkt habe, zurückgewiesen, und die Japanesen verweigerten sogar die Aufnahme ihrer unglücklichen Landsleute, die sich an Bord des russischen Fahrzeugs befanden. Kaiser Alexander schickte 1804 eine feierliche Gesandtschaft

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