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der IV. kam die älteste erhaltene Taxliste und der ihr entsprechende Rescribendareid hinzu, unter ihm und seinen beiden Nachfolgern Urban IV. uud Clemens IV. wurde die Formelsammlung durch Nachtzäge und Zusätze bereichert. Unter Nikolaus III. wurde die wichtige Verfügung über die geschäftsordnungsmässige Behandlung der päpstlichen Bullen aufgenommen. (Constit. IX.) Kurz vorher, vielleicht unter Gregor X., hatten weitere Aufzeichnungen über den Kanzleibrauch stattgefunden (Constit. VI-VIII.)

Soweit war die Führung des Kanzleibuchs bis zur Verlegung der Curie nach Avignon gediehen. Johann XXII. bereicherte es im Jahre 1331 durch die drei Constitutionen,,Ratio iuris",,,Pater familias" und ,,Qui exacti temporis" (Constit. XI-XIII.), die für die Kanzleiorganisation der Folgezeit grundlegend geworden sind.

In der erstgenannten Bulle Johanns XXII.,,Ratio iuris" ist noch der Eintragungsbefehl beachtenswert: S. 91: Volumus et statuimus, ut ordinationes et statuta nostra huiusmodi de verbo ad verbum in cancellarie et predicte audientie litterarum nostrarum regestris ex integro conscribantur. Unter ,,regestrum cancellarie" wird unser Kanzleibuch zu verstehen sein, während wir unter dem,,regestrum audientie" ein uns nicht erhaltenes oder nicht bekanntes Normalienbuch der Audientia sacri palatii, der späteren Rota, vermuthen können. 1),,Regestrum Cancellariae (so genannt zum Unterschied von Regestrum litterarum und Regestrum supplicationum) war der dem Wesen und Inhalt des Kanzleibuchs entsprechendste Name, weiter und richtiger als Liber Provincialis nnd minder farblos als Liber, Quaternus oder Quinternus Cancellariae. Aber gerade diese richtigste Bezeichnung ist ganz vereinzelt geblieben. Der gleiche Eintragungsbefehl kehrt nur noch in der ebenfalls für die Rota erlassenen Constitution Gregors XI.,,Quamvis a felicis" (Constit. XXI) wieder, deren Schluss die vielfach wörtliche Benützung der Vorurkunde Johannes XXII, deutlich erkennen läst. 2)

An den Pontificat Johannes XXII. knüpft sich noch eine weitere Neuerung. Schon zu Beginn seiner Regierung hatte der Papst vereinzelte Bestimmungen über Pfründenreservation und die Behandlung der entsprechenden Bullen getroffen. Diese hatten noch gleich den

1) Ins allgemeine Register wurden die Constitutionen nicht eingetragen. Herr Dr. Teige, der jetzt sämmtliche Bände Johanns XXII. Blatt für Blatt durchgenommen hat, versichert mir bestimmt, dass sich keine der drei Constitutionen in den Registern findet, während er die im Kanzleibuch fehlende Constit. XIV. im Registerband Nr. 101 vorfand (vgl. unten Zusätze und Berichtigungen S. 450) 2) Vgl. Constit. XXI, 13 nnd XI, 45.

Constitutionen Aufnahme in den alten Liber Provincialis gefunden. 1) Als er aber später zusammenhängende Verfügungen darüber erliess und dadurch zum Begründer der Regulae Cancellariae wurde, fanden diese sowie ihre fortan ständige Erneuerung und Erweiterung von Papst zu Papst Aufnahme in ein selbstständiges von der Constitutionen- und Formelsammlung unabhängiges Kanzleibuch.) In ähnlicher Weise schritt man ebenfalls noch unter Johann XXII. zur Anlegung eines selbstständigen Taxbuches, das im 15. Jahrhundert als Liber Johannis XXII. citirt wurde.3)

Der Begriff,,Liber Cancellariae" wird fortan zum Sammelnamen; die Bezeichnung kam in gleicher Weise den Constitutionen und den Regulae zu und taucht für letztere sogar früher auf als für erstere.4) Nur selten wird in genauerer Weise zwischen den beiden Abtheilungen geschieden. 5)

Aber auch die Einheitlichkeit des Liber Cancellariae im engeren Sinn, des Constitutionen- und Formelbuchs, hatte bald ein Ende. Die Constitution,,Decens et necessarium" (Constit. XVI.), die Benedikt XII, ergänzend zur Bulle ,,Ratio iuris" erliess, fand noch Aufnahme in den Liber Provincialis); als man aber unter den späteren Avignonesischen Päpsten umfangreichere Neueintragungen begann, schuf man dazu ein neues selbstständiges Kanzleibuch, das ergänzend zum alten Provincialis trat. Unterrichtet sind wir darüber durch das

1) Erler 167-168.

2) Vgl. Ottenthal, Regulae Cancellariae S. VII ff. und meine Bemerkungen in Mittheil. d. Instituts f. österr. GF. 11, 341.

3) Vgl. darüber Mittheil. 13, 22 ff. insbesondere S. 25 und 30.

4) Reg. Canc. Clement. VII. Nr. 76 (1379 Jan. 25) mandavit quod ita in libro cancellarie scriberetur. Für das Constitutionenbuch zum erstenmal im Schlusswort zu den Transsumpten Dietrichs von Nieheim gebraucht; dann officiell in den Konstanzer Concordaten und in der Constitution Martins V. „In apostolicae dignitatis" unten S. 136 Constit. XXVI. 10.

5) Regul. Canc. Clement. VII. Nr. 119: ita est in libro regularum cancellarie, Nr. 131: et hoc mandavit scribi in regulis cancellarie ebenso in Nr. 132 und 133. Nr. 136: in libro regularum et ordinationum. Regul. Bonifatii IX. Nr. 66: et mandavit michi Bartholomeo Francisci, ut hoc scriberem et ponerem in regulis dicte cancellarie. Umgekehrt lautet die Publicationsnotiz in den Konstanzer Concordaten (Hübler, die Konstanzer Reformation 165): in libro cancellarie S. R. E., in quo Romanorum pontificum constitutiones solent conscribi.

*) Ob die in den Constitutionen XI und XII enthaltenen Eide (Iuram. IX. b. c. X. XI.) bereits unter Benedikt XII. oder erst durch Dietrich von Nieheim selbstständig aufgezeichnet wurden, lässt sich nicht entscheiden (vgl. die Fassung ,per felicis recordationis Johannem XXII. gegenüber ,,per dominum nostrum Johannem" in den Bullen).

Schlusswort, das Dietrich von Nieheim dem zweiten Theil seines Kanzleibuchs anfügte: „Finis secundi libri cancellarie

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de libro eiusdem cancellarie qui inibi vulgariter appellatur quaternus albus" extracti.1)

Der Inhalt dieser ,,neuen Lage" gliedert sich in zwei grosse Gruppen: a) Formeln b) päpstliche Constitutionen. Letztere enthalten zum grössten Theil die Bullen, welche die Päpste von Johann XXII. bis Urban VI. zur Reservirung der Pfründen speciell in den der römischen Kirche unmittelbar unterworfenen Gebieten und den Kirchenprovinzen Mittel- und Oberitaliens erliessen. Inhaltlich stehen diese Reservationsbullen in naher Verwantschaft zu den Regulae Cancellariae, welch letztere wiederholt auf die ihnen zn Grunde liegenden Constitutionen verweisen. 2) Der Zweck, den man mit der Eintragung und Sammlung dieser Constitutionen im Kanzleibuch verfolgte, ist leicht einzusehen; sie boten ja die rechtliche Grundlage für einen Theil der Vielgeschäftigkeit der päpstlichen Kanzlei, ihr Wortlaut war für die Fassung der Beneficialbullen zu berücksichtigen.

Heute sind sie lediglich für den Canonisten von Wert und würden von dieser Seite allerdings Beachtung und zusammenhängende Bearbeitung verdienen3); für die Kenntnis des formellen Geschäftsgangs der Kanzlei sind sie belanglos. Ich habe mich daher begnügt, eine genaue Inhaltsangabe dieses Theils unten in der Beschreibung der Handschrift B zu geben, für die Edition habe ich aus diesem Theil nur zwei Constitutionen ausgewählt, die in näherer Beziehung zur Kanzlei und den mit ihr verwandten und verbundenen Curialbehörden stehen (Constit. XV. und XXI.) Auf letztere Constitution wird überdies in der Gesetzgebung Martins V. Bezug genommen.4)

Wichtiger für unsere Zwecke sind die in diesem Kanzleibuch vereinigten Formeln (unten Form. Nr. CII-CLXXX.) Sie gliedern sich wieder in drei Gruppen: Nr. CII-CV, Nr. CVI-CLXIII und Nr. CLXIV-CLXXX.

1) Vgl. darüber meine Ausführungen in Mittheil. d. Instituts f. österr. GF. 10, 464. Erhalten ist uns der ,,Quaternus albus" einerseits in der Abschrift Dietrichs von Nieheim Cod. Barberin XXXV. 69., andererseits im Cod. Vat. lat. 3984.

2) Vgl. Ottenthal Reg. Urbani V. Nr. 10: Item idem dominus noster non. ian. pontificatus sui anno primo revocavit omnes expectationes concessas per predecessorem suum dominum Innocentium, in quibus ius non esset in re expectanda quesitum, prout in constitutione super hoc facta plenius continetur; die betreffende Bulle steht im Cod. Barb. XXXV. 69 (B) p. 159; ebenso decken sich Urban V. Nr. 29 mit B. p. 156, Gregor XI. Nr. 37 mit B. p. 164, Urban VI. Nr. 5 mit B. p. 171.

3) Vgl. jetzt Eubel, Zum päpstl. Reservations- und Provisionswesen, Röm. Quart. Schrift, 8, 169 ff.

4),,In apostolicae dignitatis" Constit. XXVI. 1.

Die erste Gruppe steht noch in enger Beziehung zur Formelsammlung des alten Kanzleibuchs, zu der sie ergänzend tritt. Sie enthält die bereits von Delisle veröffenflichte und vielbesprochene Anweisung zur Herstellung der grossen Privilegien, reiht daran zwei Privilegienmuster für Benediktiner und Augustiner, die im alten Kanzleibuch nur gemeinsam mit den Praemonstratensern bedacht worden. waren (Nr. III), und schliesst mit den Rota-Devisen von Innocenz VI. bis Urban VI. Formel CIII nennt in Titel und Datumzeile Clemens VI., in der Unterschrift und Rota Johann XXII. nnd bringt zum Schluss ein bestimmtes Datum, den 4. April 1343. Diese Aufzeichnung kann daher erst unter Clemens VI. entstanden sein, und damit stimmt auch, dass die Nachtragung der Rota-Devisen mit Innocenz VI. einsetzt. 1)

Die Ausfertigung der grossen Privilegien, die im 12. Jahrhundert und im 13. noch bis auf Gregor IX. zu den häufigsten Urkundenarten der päpstlichen Kanzlei gehörten, hatte seit dem Pontificat Innocenz' IV. plötzlich abgenommen2); im 14. Jahrhundert zählten sie zu den Seltenheiten. Die Regeln über die Schreibart der Privilegien wurden demnach nicht damals aufgezeichnet, als sie häufig angewandt und daher auch jedem geläufig waren, sondern gut ein Jahrhundert später, da sie selten geübt und daher in Gefahr waren, in Vergessenheit zu gerathen.

Ganz anders gestaltet sich die folgende Gruppe. Sie steht in keinem Zusammenhang mehr mit der Formelsammlung des Provincialis, sondern spiegelt die Eigenart der Papsturkunden aus Avignonesischer Zeit wider. 3) Sie umfasst das grosse Gebiet der litterae de gratia nnd enthält im Gegensatz zu den Beneficialbullen, für deren Ausgestaltung von Fall zu Fall die Regulae Cancellariae den Schlüssel an die Hand gaben, jene Briefe, die nach feststehender Formel ausgefertigt werden konnten.4) Es ist die grosse Masse der Indulgenzen und Dispensen. Der Charakter einer auf zahlreichste Wiederholung in Einzelfällen berechneten Mustersammlung tritt hier deutlich hervor. Vollständigkeit ist sowenig erreicht wie bei der officiellen Sammlung aus dem 13. Jahrhundert; aber für einen stattlichen Theil immer

1) Einen der seltenen Fälle eines grossen Privilegs aus der Zeit Clemens' VI. bringt Tafel 58a der Specimina Vaticana Regestrorum summorum pontificum (1350 Sept. 27). Die Rotadevise Clemens' VI. ist dieselbe wie die Johanns XXII., weshalb in Formel CIII nur letztere eigens angeführt ist.

2) Vielleicht hängt dies gerade mit der erfolgten Codificirung zusammen. 3) Als etwas Neues wird sie auch im Kanzleibuch durch die Ueberschrift „Incipiunt diverse forme litterarum domini pape" (unten S. 307) eingeführt. 4) Es sind die in Constit. XII. 5 genannten litterae gratiosae quae non mutantur.

Tangl, Päpstl. Kanzleiordnungen.

IV

wiederkehrender Fälle war damit doch vorgesorgt. Nach Formel 106 wurden im 6. Pontificatsjahr Innocenz' VI. allein über 600 Briefe ausgefertigt1); ihr sowie den Formeln 108, 111-113, 116-119, 129-130, 132-133 entsprechen in den Registern jener Zeit Jahr für Jahr ganze Lagen.

Wie die im Kanzleibuch gesammelte Reihe der Reservationsbullen mit den Regulae, so stehen die Formeln mit den Taxlisten in nahem Zusammenhang. Bezeichnend ist, dass die 6 ersten Formeln genau dieselbe Reihenfolge einhalten wie die in der Bulle ,,Pater familias" enthaltenen Ansätze der Abbreviatoren- und Scriptorentaxe (Constit. XII. 60-65 und 136-142). Bei den weiteren Formeln ändert sich zwar die Reihenfolge aber nicht die nahe Beziehung. Die Schlagworte, die in der Taxliste der Bulle,,Pater familias" begegnen, wird man zum grossen Theil in den Ueberschriften der Formeln wiederfinden. Andere Formeln, die in der Bulle ,,Pater familias" nicht erwähnt werden, lassen sich aus dem späteren Avignonesischen Taxbuch belegen.2) Der bezeichnendste Fall ist folgender: Taxbuch Nr. 13: Mandatur provideri in forma que incipit,,Dignum arbitramur", taxatur ad gr. XX; dem entspricht Formel 163.

So gut wie der Verhandlung unter Nicolaus III. über die litterae legendae dürften auch der Taxbulle Johanns XXII. die entsprechenden Formeln bereits zugrunde gelegen haben. Ihre Sammlung im neuen Kanzleibuch erfolgte allerdings erst beträchtlich später. Im folgenden soll versucht werden, die Handhaben, welche die Formeln selbst für ihre Einreihung bieten, zusammenzustellen:

F. 106 fällt jedenfalls vor Gregor XI., da sie unter ihm durch Zusätze vermehrt worden ist. F. 111,,Petro tt. s. Martini in Montibus presbitero card." Ein Kardinal gleichen Namens und Titels wird in Papstbriefen aus den Jahren 1330 und 1335 erwähnt. 3) Die Ausfertigung der Formel fällt also in die letztere Zeit Johannes XXII, oder in die ersten Jahre Benedikts XII. F. 121 und 132 nennen den 1323-1361 nachweisbaren Vicekanzler Petrus, Kardinalbischof von Palestrina.4) F. 127-128

1) Mittheil. d. Instituts f. österr. GF. 13, 39.

2) Mittheil. d. Instituts f. österr. GF. 13,77 ff. So deckt sich F. 116-119 mit Taxb. 30, F. 125 Taxb. 92, F. 128 - Taxb. 93-94, F. 153

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Taxb. 228,

=

Taxb. 190, F. 161

Taxb. 178, F. 164 = Taxb. 247, F. 173 Taxb. 165, F. 174

Taxb.

=

Taxb. 162.

=

3) Riezler, Vatik. Akten z. deutschen Gesch. in d. Zeit Ludwigs d. Baiern Nr. 1420 und 1762; scheint identisch mit dem 1336 verstorbenen Kard. Petrus des Chappes (Ciaconius 2, 426).

4) Bresslau UL. 1, 210. Kardinalbischof von Palestrina seit 1323, Vice

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