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VORWORT.

Indem ich es versuche, auf Grund ungedruckter Quellen, welche den französischen Archiven entnommen sind, einige Punkte der Heiratsgeschichte Napoleons mit Marie Louise näher zu beleuchten, liegt es mir natürlich ferne, in eine ausführlichere Darstellung dieser Verhältnisse einzugehen. Manches konnte nur gestreift, Vieles musste ganz umgangen werden. Es konnte und durfte nicht meine Absicht sein, das, was Freiherr von Helfert in seinem bekannten Buche,Marie Louise' detaillirt ausgeführt, hier noch einmal zu wiederholen. So viel zur Vermeidung von Missverständnissen.

Ich fühle mich an dieser Stelle veranlasst, dem Director des Archivs des französischen auswärtigen Amtes, Mr. Girard de Rialle, dem Director der Archives nationales, Mr. de Maury, sowie den Herren Beamten der betreffenden Institute meinen wärmsten Dank auszusprechen für ihr freundliches Entgegenkommen bei Förderung meiner Studien in Paris.

Oesterreich ist nicht nur durch seine Kriege, sondern auch durch seine Frauen mit der Geschichte Frankreichs aufs Innigste verbunden. Zwei Erzherzoginnen, Marie Antoinette und Marie Louise, die eine als Königin, die andere als Kaiserin, sassen auf dem Throne Frankreichs und werden für immer schon durch ihre Namen an die interessantesten Vorgänge neuerer französischer Geschichte erinnern.

Nur das tiefste Elend, die grösste Erniedrigung und die vollste Ohnmacht konnten Oesterreichs Kaiserhaus vermögen,

fast unmittelbar, nachdem die erste Kaisertochter ihr Haupt auf dem Schaffote verloren, die andere Tochter seinem grimmigsten Gegner, der es socben aufs Neue so schwer gedemüthigt hatte, zur Gemahlin zu überlassen. Von so Manchem wurde Anfangs auch nur die Möglichkeit einer solchen Vereinigung bezweifelt. Als in der ,Pressburger Zeitung die erste Nachricht von der Scheidung Napoleons erschien, fragte der ungarische Dichter Franz von Kazinczy in der Pressburger Comitatscongregation seinen Nachbar, einen Abt, ob vielleicht Napoleon jetzt Marie Louise zur Frau erwählen werde? Der geistliche Herr war über dies Ansinnen derart empört, dass er Kazinczy vor Unwillen fast umstiess; er wollte nicht begreifen, wie jener dem Hofe nur zumuthen könne, durch eine solche Sünde die Monarchie vom Untergange zu retten. Aber die Ueberzeugung, dass man vollkommen erschöpft sei, dass jede Hoffnung, durch einen neuen Waffengang die verlorne Macht wieder zu gewinnen, vergeblich sei, rief in den Gesinnungen des Wiener Hofes eine so tiefgehende Revolution hervor, wie man wohl die Familienverbindung mit dem Corsen nennen darf. Man musste sein Heil auf einem andern Wege versuchen, wie Idies damals eine der ersten Persönlichkeiten des österreichischen Ministeriums, Hofrath Hudelist, auch ganz deutlich dem neuen französischen Gesandten in Wien, Grafen Otto, gegenüber ausdrückte, als er ihm im Laufe der Unterhandlungen bemerkte,Wir haben niemals Erfolge im Kriege gehabt und müssen uns an unsere alte Devise halten: Bella gerant alii, tu felix Austria nube.' 2

Marie Louise war der Preis, um welchen die Ruhe vom Sieger erkauft werden sollte, und das Volk hatte nicht ganz Unrecht, wenn es bei Gelegenheit der Heirat allgemein sagte: ,dass dies an die Töchter Athens erinnere, die dem Minotaurus geopfert wurden'.3

Aber wenn es keinem Zweifel unterliegen kann, dass Marie Louise dem Wohle und der Ruhe Oesterreichs zum Opfer gebracht wurde, so ist doch die Heiratsgeschichte dieser

1 Kazinczy an Rumy, 19. Januar 1810. Handschriften der ungar. Akademie der Wissenschaften. Magyar irod., Nr. 208.

2 Graf Otto an Champagny, Wien, 16. Februar 1810. 3 Mémoires et documents d'Allemagne 1807-1831. l'Autriche. Ministère d. aff. étr.

Ministère d. aff. étr.
Considérations sur

Erzherzogin nicht ohne Widersprüche, die noch ihrer Entwirrung harren. Ist es doch bis heute nicht sicher, wer der erste Urheber des ganzen Eheprojectes gewesen. Noch wissen wir nicht mit Bestimmtheit, wann Marie Louise zum ersten Male Kenntniss erhielt von der Absicht, sie als Kaiserin auf den Thron Frankreichs zu erheben.

Noch immer behaupten die Einen, Marie Louise habe sofort gern eingewilligt, während die Anderen davon zu erzählen wissen, die Erzherzogin hätte ihre Zustimmung im Gefühle gegeben, als Opfer der Politik zu fallen. In gleichem Widerspruche stehen die Angaben Metternich's und Laborde's über die Bedingungen, welche an den Abschluss der Heirat geknüpft werden sollten. Während Metternich mit besonderem Nachdrucke hervorhebt, dass es der ausdrückliche Wunsch des Kaisers Franz war, dass weder von der einen, noch von der anderen Seite Bedingungen erhoben werden dürfen, sagt Laborde aufs Bestimmteste, dass Kaiser Franz Begünstigungen wünschte, die nur in Folge seiner Vorstellungen zurückgezogen wurden. 3

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Indem wir uns an eine Lösung dieser Controversen wagen, versuchen wir es vor Allem, zu bestimmen, wann sich der Wiener Hof zuerst mit dem Eheprojecte eingehender beschäftigte, und wer es eigentlich war, der es in Anregung brachte. Bei verschiedenen Gelegenheiten dachte Napoleon sich von seiner ersten Gemahlin scheiden zu lassen. Wie sein Bruder Lucian versichert, hatte er sofort nach seiner Rückkehr von Aegypten ernstlich die Absicht, Josefine von sich zu stossen. Waren es anfangs heftige Eifersuchtsscenen, welche einen solchen Gedanken nahe legten und ihn ihrer Natur nach eben so schnell wieder verflüchtigen liessen, so musste die Absicht festere Gestaltung annehmen, als Napoleon zur Ueberzeugung kam, dass er für immer der Hoffnung zu entsagen habe, von seiner Frau einen Nachkommen zu erhalten. In cynischer Weise belustigte er sich über die Nutzlosigkeit der Reisen Josefinens in verschiedene Bäder; und seinem Bruder Josef gegenüber sprach er es schon 1802 ganz unumwunden aus, dass er in die

1 Ménéval, Napoléon et Marie Louise I, p. 222.

2 Metternich's Nachgelassene Papiere I, p. 100. Die Weisung Metternich's vom 14. Februar 1810, Nachgelassene Papiere II, p. 328, widerlegt von selbst diese Angabe der Autobiographie.

3 Laborde's Bericht, Ende December 1809. Arch. nat., A. F. IV, 1675.

Lage kommen werde, sich von seiner Frau trennen zu müssen.' Es darf fast als bestimmt angenommen werden, dass Napoleon, je höher er die Stufen der Macht erklomm, sich desto ernstlicher mit dem Projecte der Ehescheidung beschäftigte.

Eben so sicher ist es aber auch, dass für den Wiener Hof erst von dem Momente an, als Napoleon daran dachte, eine russische Grossfürstin zu heiraten, die Scheidung des französischen Kaisers ein hervorragendes Interesse gewann. Schon im Jahre 1807, vor der Entrevue von Erfurt, wusste Metternich, damals Gesandter am Pariser Hofe, über die ersten Gerüchte einer bevorstehenden Scheidung und eventuellen Wiederverheiratung mit einer russischen Prinzessin zu berichten. In diesem Momente waltete die Sorge vor, dass die Vermählung mit einer russischen Grossfürstin wirklich zu Stande kommen könnte. Indem sich Oesterreich zum letzten, entscheidenden Schlage gegen den französischen Imperator rüstete und um die Hilfe Russlands förmlich buhlte, musste es wahrlich mit Angst erfüllen, in Napoleon den zukünftigen Schwager des Czaren zu erblicken. Jede Hoffnung, Napoleon einst doch demüthigen zu können, musste damit in den Staub sinken. Man mochte wohl im ersten Augenblicke in den Wiener Hofkreisen auf Mittel sinnen, diese russisch-französische Familienallianz zu hintertreiben, aber gewiss dachte man nicht an mehr, und am wenigsten daran, Napoleon zum Schwiegersohne des österreichischen Kaisers zu machen. Wenn Metternich in seiner Autobiographie sagt: ,Sowohl vor als nach dem Abschluss des Wiener Friedens war zwischen Napoleon und dem österreichischen Cabinete nicht ein Wort über die Heiratsabsichten des Kaisers der Franzosen gewechselt worden',3 so darf man diesem Geständnisse vollen Glauben beimessen, insofern es sich auf keinen directen Verkehr mit Napoleon bezicht. Bis dahin verfolgte man nur mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jede

1 Siehe die interessanten Mittheilungen in den jüngst erschienenen Memoiren Lucian Bonaparte's, II. Bd., p. 206, 209, 283. Lucian verspricht interessante Aufklärungen über die Heiratsgeschichte. Dieselben sollen im III. Bande folgen, der aber meines Wissens noch nicht erschienen ist. 2 Metternich's Nachgelassene Papiere II, p. 147. An Stadion, 6. Decem ber 1807: L'affaire du mariage semble malheureusement tous les jours prendre plus de consistance.

3 Metternich's Nachgelassene Papiere I, p. 98.

Phase der Entwicklung des Scheidungsprojectes. Erst nach 1809, nach der unseligen Niederlage dieses Jahres, da man kein anderes Mittel der Rettung kannte, fand die Idee, in eine Familienallianz mit dem französischen Kaiser zu treten, in Wien sympathischeren Boden.

Wenn es nicht bezweifelt werden darf, dass man zum ersten Male Ende 1809 sich in den Wiener Regierungskreisen mit der Möglichkeit einer französisch-österreichischen Familienallianz beschäftigte, so ist damit noch immer nicht die Frage entschieden: War es Napoleon, der zuerst um die Hand Marie Louisens ansuchte, oder war es Metternich, der hiezu die unmittelbarste Anregung gab? Es ist nicht blos müssige Neugier, welche zur Lösung dieser Frage drängt. Wenn es sich nämlich darthun liesse, dass Metternich noch vor erfolgter Scheidung, kurz nach seinem Eintritte ins Ministerium, diese Heirat ersonnen habe, so würde dies auf manche weitere Vorgänge ein interessantes Streiflicht werfen. Vorerst würde die Vermuthung an Gewissheit gewinnen, dass er diese Heirat als eine Stufenleiter zur eigenen Erhebung gebrauchen wollte. Ist es doch unläugbar, dass diese neue Familienverbindung den Namen Metternich's mit Glanz, Ruhm und Ansehen umgab, wie er ja selbst in einem Briefe an seine Frau bekennt, dass man einen Retter der Welt nicht mehr hätte preisen können als ihn bei dieser Gelegenheit. Wenn es wirklich wahr wäre, woran wir unserseits nicht zweifeln, dass Metternich der Erste gewesen, der das Wort: Heirat zwischen Napoleon und Marie Louise ausgesprochen, so würde dies auch vielleicht einen Fingerzeig dafür bieten, warum er späterhin, in seiner jüngst erschienenen Autobiographie, Napoleon in der directesten Weise auf einem Maskenballe als Brautwerber auftreten liess. Es scheint, dass Metternich nach dem Falle Napoleons den Gedanken scheute, von der ganzen Welt als erster Versucher zur Verheiratung der Erzherzogin mit dem gefallenen Imperator angesehen zu werden, und dass er deswegen die in seinen Mémoires aufgetischte Fabel vom Maskenballe erfand. Man sollte wohl meinen, Helfert habe in seinem Buche Marie Louise' es aufs Unzweifelhafteste dargethan, dass die ersten Eröffnungen von französischer Seite erfolgt seien, einerseits durch den Grafen de Laborde und

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