Imágenes de páginas
PDF
EPUB

Hinblick auf einige Punkte auch gerechtfertigter Widerspruch kundgegeben hat. 1

Die folgenden Blätter unterziehen den Gegenstand einer methodischen Erörterung, indem sie zunächst die angebliche Thronfolgeordnung Břetislaws als das eigentliche Streitobject behandeln und sich hierauf mit den Successionsnormen überhaupt befassen, wie sie in Böhmen in der Zeit des nationalen Herzogthums bestanden haben.

I. Abschnitt.

Die Břetislaw'sche Thronfolgeordnung.

§. 1. Der Bericht des Cosmas.

Der böhmische Chronist Cosmas von Prag lässt den auf einem Kriegszug wider Ungarn begriffenen Herzog Břetislaw von einer heftigen Krankheit ergriffen werden und sterben. Es geschah dies zu Chrudim am 10. Januar 1055. Der Bericht des Cosmas lautet folgendermassen: 2,Der Herzog Břetislaw, welcher mit Gottes Hilfe ganz Polen unterjocht und, bereits zweimal Sieger über Ungarn, den Vorsatz gefasst hatte, das letztere zum dritten Male anzugreifen, ward, als er das nachrückende Heer abwartete, in der Stadt Chrudim von einer heftigen Krankheit ergriffen. Als er die Wahrnehmung machte, dass dieselbe mehr und mehr zunehme und die Kräfte seines Körpers dahinschwänden, rief er diejenigen Grossen des Landes, die zufällig zugegen waren (qui forte aderant), herbei, und während ihn dieselben umstanden, sprach er zu ihnen folgende Worte:,,Weil mich meine Geschicke von hinnen rufen und der schwarze Tod schon vor meinen Augen steht, so will ich Euch bezeichnen und Eurer Treue anempfehlen, wer nach mir den Staat regieren soll (qui post me debeat rem publicam gubernare). Ihr wisst, dass einst unser fürstliches Geschlecht, theils

1 Die Literatur s. unten in §. 2 des I. Abschnittes.

2 Cosmas 2. 13.

in Folge von Kinderlosigkeit, theils weil einige im zarten Kindesalter starben, bis auf mich als den einzigen Sprössling herabgekommen war. Jetzt aber besitze ich, wie Ihr selbst. sehet, fünf Söhne, die ich der Gnade Gottes verdanke. Unter dieselben das Reich Böhmen zu theilen, scheint mir nicht. zweckmässig zu sein, denn ein jedes Reich, das in sich getheilt ist, muss zu Grunde gehen.

,,Dass aber vom Anbeginn der Welt und vom Anfange des römischen Reiches die Liebe der Brüder zu einander nur selten vorhanden war, das bestätigen uns sichere Zeugnisse. Denn Kain und Abel, Romulus und Remus und meine Vorfahren Boleslaw und der heil. Wenzel wenn man bedenkt, was hier der Brüder zwei gethan, was darf man erst von fünf erwarten? Je kräftiger und machtvoller ich dieselben erblicke, desto mehr sehe ich ahnungsvollen Geistes noch schrecklichere Dinge voraus. Ach über den menschlichen Geist, der immer in Sorge ist um die unsicheren Geschicke der Söhne!

,,Daher ist es nothwendig, Sorge zu tragen, dass nicht nach meinem Tode unter denselben ein Zwist entstehe wegen der Herrschaft über das Land. Um dessentwillen flehe ich Euch Alle an bei Gott dem Allmächtigen und beschwöre Euch bei Eurem Treueid, dass unter meinen Söhnen oder Enkeln immer der Aeltere das oberste Recht und den Thron im Fürstenthume erhalte und alle seine Brüder, oder welche vom herrschenden Stamme entsprossen sind, unter seiner Herrschaft stehen. 1 Glaubet mir, wenn nicht ein einziger Herr dieses Herzogthum regiert, so wird es Euch, den Vornehmen, ans Leben gehen, dem Volke aber zum Schaden gereichen."

,Sprachs und sein Geist entschwebte unter den Händen der Umstehenden den körperlichen Gliedern und flog zum Aether auf am 10. Januar, und es entstand darüber ein grosses Wehklagen.' Der Bericht des Cosmas erregt, wie er uns vorliegt, wohl einiges Bedenken. Schon Palacky hat mit Recht hervorgehoben, dass es ganz ungewöhnlich war, mitten im Winter einen Feldzug ausserhalb des Landes zu unternehmen. Der Zug

2

1 Quatinus inter meos natos sive nepotes semper maior natu summum ius et solium obtineat in principatu omnesque fratres sui, sive qui sunt orti herili de tribu sint sub eius dominatu. Cosmas 2. 13.

2 Geschichte von Böhmen, 1. 291.

gegen Ungarn kann nur im Zusammenhang mit den Unternehmungen des Kaisers stehen, und da ist hervorzuheben, dass für das Jahr 1055 eine grössere Unternehmung gegen Ungarn nicht beabsichtigt war. Auch sonst finden sich noch einzelne ungenaue Momente in dem Berichte des Cosmas vor. Und doch ist derselbe in seinen Grundzügen glaubwürdig genug. Man darf freilich aus demselben nicht mehr lesen wollen, als in ihm steht. Was thut Břetislaw? Nachdem er schon ,längst' 2 Mähren an seine Söhne Wratislaw, Conrad und Otto vertheilt, seinen jüngsten Sohn Jaromir den Studien übergeben und zum dereinstigen Bischof von Prag designirt hatte, 4 nominirte er, wie dies schon im Reiche des Svatopluk und desgleichen auch in Böhmen durchaus gesetzlich war, 5 auf dem Sterbebette seinen ältesten Sohn Spitihniew als denjenigen, welchen die Grossen des Landes nach seinem Tode zum Herzoge wählen sollten. 6 Wenn er hiebei noch den Wunsch aussprach, dass man auch in Zukunft auf das Alter gebührende Rücksicht nehmen solle, so erinnerte er nur an eine Praxis, die in Böhmen schon lange vor Břetislaw geübt wurde und durchaus keine Neuerung enthält, wie man den unten folgenden Ausführungen entnehmen kann. Die Angabe des Cosmas enthält sonach nichts davon, dass der auf dem Todtenbette liegende Herzog Břetislaw im Vereine mit seinen Grossen ein Gesetz über die Nachfolge, sei es im Sinne des Seniorates oder der Erstgeburt, aufgerichtet habe.

1 Steindorff, Jahrbücher des deutschen Reichs unter Heinrich III. 2. 290. Palacky a. a. O. 1. 291.

2 Zum Jahre 1055 sagt Cosmas: His ita peractis vadit novus dux novum disponere Moraviae regnum, quod ,olim' pater eius inter filios suos dividens....

3 Damals ist wahrscheinlich auch die Verfügung getroffen worden, quod terra Moraviae et eius dominatores semper Boemorum principis sint sub potestate, sicut avus noster piae memoriae ordinavit, qui eam primus dominio suo subiugavit. Cosmas 3. 34.

4 Ib. 2. 18. Propterea et genitor noster tradidit te ad literarum exercitium, ut successor idoneus Severi episcopi habearis. . . . 2. 23: quod genitor vester Bracislaus nos et fratres nostros sacramento constrinxit, quo post obitum Severi episcopi frater vester episcopus sit.

5 Vgl. die Ausführungen im II. Abschnitte dieses Aufsatzes, §. 3.

6 Das Wahlrecht der Grossen geht selbst noch aus der Rede hervor, die Cosmas den sterbenden Herzog halten lässt.

§. 2. Ansichten neuerer Historiker über die Břetislaw'sche Thronfolgeordnung.

Es ist nicht ohne Interesse, die Ansichten neuerer Historiker unmittelbar neben den Bericht des Cosmas zu stellen, weil bei einer solchen Nebeneinanderstellung, bei der die erklärenden Zwischenstufen fehlen, die Unterschiede zwischen den Angaben des letzteren und den Ansichten der ersteren am deutlichsten in die Augen fallen.

Im Allgemeinen gelten heute bezüglich der genannten Erbfolgeordnung folgende Anschauungen:

1. Břetislaw hat bereits im Jahre 1054 die Erbfolge in seinem Reiche, sowie die übrigen Rechtsverhältnisse seiner Kinder und Nachfolger geordnet. Zu diesem Zwecke hat er 2. um den Anlass künftiger Kriege mit Polen aus dem Wege zu räumen, an Polen die Stadt und das Gebiet von Breslau abgetreten.

3. Er berief zur Befestigung des inneren Friedens einen allgemeinen Reichstag aus Böhmen und Mähren und gab auf demselben

4. das pragmatische Gesetz, dass Böhmen fortan ungetheilt bleiben und stets einem einzigen Herzoge gehorchen solle, und dass der älteste an Jahren auf dem Throne nachfolgen, die übrigen Prinzen aber mit Theilherrschaften in Mähren abgefunden werden sollen.

Gelasius Dobner, mit welchem die kritische Richtung der böhmischen Geschichtschreibung anhebt, hat sich namentlich an zwei Stellen über den Gegenstand ausgesprochen: zuerst (1776) in seiner Untersuchung, wann Mähren eine Markgrafschaft geworden, und hernach (1777) im 5. Bande seiner Annalen zu Hayek. In der ersteren heisst es: 2,Vermuthlich aber, um Böhmen vor der Zergliederung zu schonen, theilte er Mähren unter die drei anderen Söhne Wratislaw, Conrad und Otto aus, doch so, dass das Herzogthum unzertheilt bleiben und dieselben den Herzog von Böhmen als ihr Oberhaupt und ihren

1 Im zweiten Bande der Abhandlungen einer Privatgesellschaft in Böhmen pag. 183.

2 Ib. pag. 194.

Herrn erkennen sollten. Hierüber errichtete er auf seinem Sterbebette mit den Landständen von Böhmen eine pragmatische Sanction, nämlich dass Böhmen mit allen seinen zugehörigen Landschaften unzertheilt bleiben sollte; über dasselbe sollte nur ein einziger Herzog, und zwar jederzeit der Aelteste aus dem herzoglichen Geblüte herrschen, alle anderen Brüder und Enkel sollten unter dessen Botmässigkeit und Gehorsam stehen, hiermit die ihnen zugetheilten Landschaften als Lehen von demselben empfangen.'

An der zweiten Stelle sagt er: Hanc ipsam autem Brzetislai institutionem per modum legis pragmaticae receptam fuisse manifesto ostendunt posteriora exempla adeo ut multiplicatis postea ducum Bohemiae atque Moraviae filiis passim excluso primogenito ducis filio maximus natu e ducali sanguine supremum ius dominationemque consequeretur. Ceterum haec Brzetislai sanctio, utut sancta inviolabilisque visa genti nostrae non semel tamen violata est etc.'

Die Darstellung Dobner's hat wesentlich auf jene Palacky's eingewirkt und beherrscht durch die letztere noch heut vollständig das Terrain. Nur ist Palacky, was die Chronologie und einige andere Punkte anbelangt, einen Schritt weiter gegangen als Dobner. Er sagt nämlich: 2,Im Jahre 1054 ordnete Břetislaw, vielleicht schon im Vorgefühl seines Todes, die Erbfolge im Reiche, sowie die übrigen Rechtsverhältnisse seiner Kinder und Nachkommen. Um den Anlass künftiger Kriege mit Polen aus dem Wege zu räumen, trat er dem König Casimir die Stadt und das Gebiet von Breslau ab gegen die Zahlung von 30 Mark Gold und 500 Mark Silber jährlichen Zinses an alle künftigen Beherrscher Böhmens. Zur Befestigung des inneren Friedens im Lande aber berief er einen allgemeinen Reichstag aus Böhmen und Mähren. Die Geschichte seiner nächsten Vorgänger auf dem Throne hatte die Schädlichkeit des bisher üblichen Paragiums bewiesen. Die Theilung Böhmens unter mehrere Brüder, deren einer der Herrschende sein sollte, war ein ewiger Grund der Unzufriedenheit sowohl des regierenden

1 Dobner, Wenceslai Hagek Annales Boh. 5. 332. 333.

2 Geschichte von Böhmen 1. 289. 291:,Gesetz über die Senioratserbfolge', wie es Palacky an dieser Stelle ausdrücklich nennt; dass man an ein solches nicht zu denken habe, s. im II. Abschnitt.

« AnteriorContinuar »