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Wiesbaden. L. Schellenberg'sche Hof-Buchdruckerei Papier von Sieler & Vogel in Leipzig.

VORBEMERKUNGEN.

Der Plan, die Urkunden des Hauses Nassau und der Nassauischen Gebiete zu sammeln und zu veröffentlichen, bildet einen hervorragenden Theil der Geschichte des Nassauischen Archivs von dem Zeitpunkte der wissenschaftlichen Organisation desselben ab bis in die neueste Zeit.

Schon Hagelgans, der verdienstvolle Ordner des Idsteiner Archivs, hatte es sich, ohne Zweifel angeregt durch die grossen Arbeiten von Joannis und Gudenus, zur Aufgabe gestellt, ein Urkundenbuch der dem Walramischen Stamme des Hauses Nassau gehörigen Herrschaften Wiesbaden, Idstein und Weilburg zu geben. Das Manuscript dieses Urkundenbuchs von seiner Hand liegt fast vollendet vor; es blieb ungedruckt; als Frucht seines Sammeleifers besitzen wir neben kleineren Arbeiten nur seine Nassauische Geschlechtstafel, Frankfurt 1753. Ihm folgten Kremer, dessen Studien sich abgesehen von den Origines Nassoicae vorwiegend auf die Geschichte der linksrheinischen Besitzungen des Hauses Nassau-Weilburg erstreckten, dann für die Landestheile des Ottonischen Stammes die unermüdlichen Ordner des Dillenburger Archivs, Erath und Rauschard, endlich auch Arnoldi.

Lange Zeit nachher, nachdem die politischen Veränderungen zu Anfang dieses Jahrhunderts dem Centralarchive des Landes zu Idstein massenhaften Zuwachs zugeführt hatten, nahmen Friedemann, welcher trotz seines rastlosen Eifers zu keinem Erfolge gelangte, und nach ihm Andere die Pläne wieder auf.

Wenn nunmehr die Verhältnisse die Herausgabe eines Nassauischen Urkundenbuchs gestatten, so ist zunächst eines eifrigen Freundes Nassauischer Geschichte zu gedenken, dessen Anregung die Wiederaufnahme der dahin zielenden Pläne unter geneigter Billigung durch den Director der Königlichen Staats-Archive, Herrn Wirklichen Geheimen Ober-Regierungsrath Professor Dr. von Sybel, zu danken ist; ich meine den Herrn Senats-Präsidenten Dr. Petri zu Cassel, welcher im Mai 1878 mit Herrn Professor Dr. K. Menzel zu Bonn, dem um die Geschichte Nassau's verdienten Fortsetzer des Buches von Schliephake, die Herausgabe eines Nassauischen Urkundenbuchs besprach und verabredete. Die sehr dankenswerthe Förderung, welche die sodann gemachten Vorschläge bei dem Verein für Geschichte und Alterthumskunde Nassau's, bei dem LandesDirectorium und dem Communallandtag der Provinz, besonders bei den Vorsitzenden und Directoren der genannten Corporationen und Behörden, den Herren Professor Otto, den Landesdirectoren Wirth und Sartorius und dem Communalland

Codex dipl. Nass. I, 1.

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tags-Abgeordneten Dr. Schirm fanden, endlich das bereitwillige Entgegenkommen. des Verlegers, Herrn Julius Niedner, haben dann das Zustandekommen des Unternehmens gesichert. Die mir durch Herrn Dr. Petri damals persönlich gewordene Aufforderung, sowie spätere Verhandlungen führten alsdann meine Betheiligung an dem Urkundenbuche herbei.

Bei der Aufstellung des Editionsplanes, auf welchen ich zurückkomme, und der Vertheilung des Stoffes übernahm ich die Bearbeitung der Urkunden der ehemals Kurmainzischen Landestheile. Doch erst viel später, erst nach der Ueberführung des Idsteiner Archivs nach Wiesbaden im Jahre 1881, war es mir möglich, meine Arbeiten zu beginnen. In dieser Zeit ist die vorliegende Bearbeitung der Kurmainzischen Urkunden entstanden, deren Druck zu Anfang des Jahres 1884 beginnen konnte.

Der grossen Schwierigkeiten dieser Arbeit bin ich mir von dem Beginne derselben ab sehr wohl bewusst gewesen; bei dem Fortschreiten der Arbeit konnte sich diese Erkenntniss nur steigern. Wie aber auch immer die Urtheile über die vorliegende Arbeit ausfallen mögen, das glaube ich hoffen zu dürfen, dass bei Beurtheilungen, welche auf Objectivität beruhen, wenigstens der ernste Wille, der mich bei meiner Arbeit geleitet hat, nicht verkannt wird. Dass Irrthümer und Versehen nicht vermieden sind, dahin bescheide ich mich gern.

Die soeben gemachte Bemerkung bezüglich der Schwierigkeiten, welche bei der vorliegenden Arbeit zu überwinden waren, bezieht sich ebenso sehr auf die Behandlung des Gegenstandes, wie auch auf das weitere Ziel, die Urkunden des Gebiets möglichst vollständig und, soweit dies weiter ausführbar war, nach den Originalen oder wenigstens diesen nahestehenden guten Quellen zu geben. Die Quellennachweise werden zeigen, dass dieses nach Möglichkeit angestrebt wurde und auch in sehr vielen Fällen erreicht werden konnte. In vielen Fällen freilich ist es mir nicht gelungen, die Quelle älterer Abdrücke der Urkunden aufzufinden. Die Ursache liegt in der Zersplitterung des alten Kurmainzischen Archivs selbst, soweit dasselbe durch die Stürme der französischen Zeit gerettet ist, sowie der Archive der einzelnen Mainzischen Herrschaften, Stifter, Klöster und sonstiger geistlicher Corporationen. Der Sammlung und Verarbeitung des urkundlichen Materials, insbesondere der Prüfung und Untersuchung älterer Urkunden werden hierdurch die grössten Hemmnisse bereitet. Ein Urkundenbuch eines Bruchtheils des Kurmainzischen Gebietes hat freilich nicht die Aufgabe, umfassendere Untersuchungen zur Diplomatik des Erzstifts zu geben; aber der Wunsch, Einiges, wenn auch nur Geringes zu den bisher nur vereinzelt angestellten Forschungen auf diesem Gebiete beizutragen, lag immerhin nahe. Indessen musste, so vielfach sich auch Veranlassung bot, doch von Untersuchungen in dieser Richtung fast völlig abgesehen werden, da es nicht möglich war, das zur Entscheidung einer Frage auf dem Gebiete der Diplomatik erforderliche Material vollständig zu sammeln. So ist es mir, um ein Beispiel anzuführen, nicht gelungen, den Schreiber der vom Erzbischofe Sigfrid I. 1074 erneuerten, so wichtigen Urkunde des Erzbischofs Bardo für Rüdesheim und Eibingen zu ermitteln. Aehnliche Schwierigkeiten erhoben sich bei den Urkunden auch späterer Erzbischöfe,

wenn es sich um die Feststellung der Schreiber, um die Untersuchung der Siegel handelte, so dass, wie schon bemerkt, wenn auch ungern, hier enge Grenzen gezogen werden mussten.

Auf die Schicksale des Kurmainzischen Archivs während der Revolutionskriege und nach der Säcularisation des Erzstifts komme ich zurück. Nach den getroffenen Vereinbarungen soll, wie bemerkt, der vorliegende Band die Urkunden des ehemaligen Kurmainzischen Gebiets, soweit solches dem Herzogthum Nassau zugefallen war, sowie der zu demselben gehörigen oder von demselben umschlossenen kleineren Herrschaften 1) und deren Dependenzien, soweit solche auf später Nassauischem Gebiet liegen, umfassen.

Von dem ehemaligen Kurstaate Mainz erhielt der Fürst von Nassau-Usingen in Folge der Bestimmungen des Friedens von Luneville vom 9. Februar 1801 und des Reichsdeputations-Hauptschlusses vom 25. Februar 1803:

1) das Oberamt Höchst mit den Vogteien Höchst und Hofheim, der Herrschaft Königstein mit den Vogteien Königstein und Oberursel, dem Antheile an der Herrschaft Eppenstein;

2) das Amt Cronberg;

3) die domcapitelischen Orte Hochheim und Flörsheim;

4) die dompropsteilichen Orte Eddersheim und Heddernheim;

5) das Vicedomamt Mainz ausser der Stadt, die Orte Castel und Kostheim, später an Frankreich abgetreten, jetzt Hessen-Darmstädtisch; 6) das Vicedomamt Rheingau mit den Kellereien und Vogteien Eltville, Rüdesheim und Lorch sowie dem Orte Frauenstein mit den in dessen Gemarkung liegenden Höfen;

7) den unter der Hoheit des Ferrutiusstiftes stehenden Theil von Bleidenstatt;

8) das Amt Lahnstein mit Oberlahnstein und Lahneck.

Die Theilung des Kurstaates hatte die Theilung der Landesarchive desselben und Ueberweisung derselben an die partizipierenden Regierungen zur Folge. Nassau-Usingen erhielt somit vor und nach von den französischen Behörden und der erzkanzlerischen Regierung zu Aschaffenburg die Archive jener Landestheile ausgeliefert.

In den über die Theilung der Archive vorliegenden Acten wird der Zustand und die Ordnung der Mainzischen Archive bis zum Ausbruch des Revolutionskrieges durchweg als im Ganzen gut bezeichnet. Der Revolutionskrieg freilich und die französische Occupation haben diese Archive auf das Schwerste geschädigt. Am 4. October 1792, als die Franzosen gegen Mainz vorrückten, wurde der grösste Theil des Landesarchivs nach Amsterdam geschickt. In Mainz zurückgebliebene Theile, sowie Urkunden und Acten der Dompropstei wurden

1) Eine Ueberschreitung dieser Grenzen und Aufnahme von Urkunden, welche auf nicht Mainzischem bezw. Nassauischem Gebiete liegende Orte betreffen, war freilich im Interesse der Sache mitunter nicht zu vermeiden. Die hierfür in den einzelnen Fällen massgebend gewesenen Gründe sind leicht ersichtlich.

von Franzosen und Clubbisten vernichtet. Im August 1793 konnte, nachdem Mainz von den Franzosen geräumt war, das Archiv zurückgebracht werden1); dasselbe wurde provisorisch in der Reitschule, dann im Deutschordenshause, endlich im Stadioner Hofe auf dem Flachsmarkte aufgestellt. Doch schon im folgenden Jahre musste es, als die französischen Armeen in unerwartetem Siegeslaufe vordrangen, wieder geflüchtet werden, zunächst in die Keller des Schlosses zu Aschaffenburg, dann 1796 nach Marktsteft bei Ansbach. Letzterer Transport scheint ein sehr eiliger gewesen zu sein; Alles wurde durcheinander geworfen, mehrere Kisten mit Urkunden und Acten gingen verloren, sehr viel verdarb durch Feuchtigkeit. Von Marktsteft aus wurden Archivalien des Domcapitels, sowie das Archiv des Stifts S. Alban nach Prag gebracht. Bezüglich dieses letzteren Archivs habe ich nicht ermitteln können, ob dasselbe später vollständig nach Aschaffenburg zurückgebracht ist, halte dies aber für sehr zweifelhaft. Das Landesarchiv wurde im Herbste 1797 nach Mainz zurückgebracht und fiel hier im folgenden Jahre den Franzosen in die Hände. In den nächsten Jahren erhielten nur französische Archivisten oder Beamten, aber kein Mainzer Beamter Zutritt zu dem Archive; jene plünderten nach Herzenslust, warfen Urkunden und Acten durcheinander und richteten die vollste Verwirrung unter den Massen an, über welche die bei den späteren Auseinandersetzungen beschäftigten Beamten fortwährend Klagen führen.

Sofort nach der Besitznahme von Mainz im Jahre 1798 belegten die Franzosen alle daselbst befindlichen Archive der dortigen, wie auch der sonstigen im Bereiche des Erzstifts bestehenden Stifter und Klöster mit Beschlag und legten Siegel an. Das Landesarchiv sowie die Archive der Klöster wurden in die Schlosskapelle gebracht und der Verwaltung eines Commissars unterstellt. Nur die Archive von S. Stephan und der Universität verblieben aus Mangel an Raum an dem bisherigen Aufbewahrungsorte.

Der Friede von Luneville vom 9. Februar 1801 überliess den Franzosen das linke Rheinufer; das schon in Rastatt aufgestellte Prinzip der Entschädigung der linksrheinischen Fürsten auf dem rechten Ufer wurde präzisiert. Dem Frieden folgte alsbald die Aufhebung der Klöster am linken Rheinufer 2).

Der Regensburger Reichsdeputations-Hauptschluss vom 25. Februar 1803 übertrug den Sitz von Mainz auf die Kathedralkirche von Regensburg. Dem

1) Ausser den in den Acten des hiesigen Staats-Archivs vorliegenden Nachrichten sind der Bericht des Archiv-Secretairs Hettinger zu Aschaffenburg vom 17. August 1795, Friedemann, Zeitschr. II, 109, sowie die Angaben von Schaab in den Einleitungen zu seiner Gesch. des Städtebundes und der Hess. Rheinprovinz I, IV, und im Anzeiger z. K. d. d. Vorzeit 1874, Sp. 341 benutzt. Ueber die Flüchtung des Archivs des Stifts S. Alban im J. 1792 liegt ein Bericht von Schunk an das Kapitel des Stifts vor; vergl. Geschichtsblätter der mittelrhein. Bisthümer 1884, No. 3, 4. Böhmer, Briefe III, 2 ist „der Ueberzeugung, dass von Mainzer

Urkunden viel weniger verloren gegangen sei“, als er gedacht.

2) Schaab gibt an, dass einzelne Klöster, wie die Bettelmönche, die Nonnen zu Dalheim, die Armenclarissen, das Kloster zu Weisenau damals ihr Archiv verbrannt, andere, wie die Augustiner, Franziskaner, Capuziner dasselbe verschleppt hätten. Vergl. Anzeiger zur K. d. d. Vorzeit 1874, 341.

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